Von Enten und Kastanien
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Mein Wunsch, mein Traum wäre es, mehr als nur dieses Fragment zu haben...aber wahrscheinlich wird es dabei bleiben. Heartland ist ein Roman, den TaleTeller letztes Jahr angefangen hat, während seiner Therapie in Merheim und später dann in Stotzheim.
Danach lag der Roman lange in der Schublade, vor einigen Monaten hat er sich mal wieder etwas drangesetzt...ich habe leider nur diese Fragmente aus dem letzten Jahr und möchte sie einfach nicht wieder in einer Schublade verschwinden lassen. Deswegen werde ich die Teile des Romans (es sind nur knapp 40 Seiten) einfach hier auf die Seite stellen....als Erinnerung an ihn - für mich und andere.
Es fehlen Hausnummern, Namen, Straßen...wie es halt typisch ist für ein Fragment. Aber...auch wenn ich wenig objektiv bin, was seine Geschichten angeht, finde ich dennoch, dass man erkennen kann, wie wunderbar er geschrieben hat....



Heartland

a story by The TaleTeller ©2004



Intro
[Ankunft in Köln]

Freitagabend, 19ter November 2004. Eine Hölle von einer Autofahrt, zumal ich schon ewig nicht mehr hinter dem Steuer saß. Jetzt kommt auch noch der Rechtsverkehr, der fremde Wagen, das beschissene Wetter hinzu. Blindflug durch die A57-Dunkelheit, monoton prasselnde Regentropfen auf der Windschutzscheibe und ein paar schartige, alte Scheibenwischer, die nur ständig neue Schlieren auf das Glas zaubern. Bremslichter flammen auf und der alte Audi kommt am Stauende vor der Abfahrt 'Ehrenfeld' zu stehen. Super. Dass ich in den Abendverkehr gerate, war nicht zwingend eingeplant. Zum x-ten Mal auf dieser Fahrt blicke ich auf das beleuchtete Zifferblatt der Uhr in den Kunststoffarmaturen, wohl wissend, dass diese eine vollkommen falsche Zeit anzeigt: 03:17 Uhr. Und ein paar Sekunden. Schätze es dürfte auf 19 Uhr zugehen.
Nur schleppend frisst sich die Blechkarawane auf die City zu. Ich nutze die Zeit und krame in dem großen Trekking-Rucksack auf dem Beifahrersitz nach dem zerknitterten Post-it mit der Wegbeschreibung durch die Innenstadt.
Bis zum Autobahnende brauche ich eine geschlagene halbe Stunde, dann müsste ich auf der Inneren Kanalstraße angekommen sein ... durch die nassen Seitenfenster habe ich allerdings null Sicht auf Straßenschilder — oder sonst irgendetwas. Ich versuche einfach dem Gekritzel auf dem gelben Zettel zu folgen: Aachener Straße, Richard-Wagner und dann schon die Ronstraße. Nee, Roonstraße. Gleich müsste ich da sein, dabei hatte ich mir das komplizierter vorgestellt.
Langsam biegt mein dunkelbraun-metallic farbenes Vehikel rechts ab und umrundet den düsteren Park am Rathenauplatz. Kein Parkplatz, damned! Erst zwei Ecken weiter finde ich eine Parkbucht; der Wagen atmet heilfroh auf, als er das Einparkmanöver unbeschadet überlebt hat.
Den Rucksack geschultert stapfe ich durch Bindfäden aus Regen zurück zur Hausnummer? Ich schätze es mal auf 20 Uhr, eine halbwegs zivile Zeit also. Die Haustürbeleuchtung streikt, da hilft mein Zippo beim Entziffern der Klingelschilder. Da haben wir es ja.
"T. Crelu", murmele ich vor mich hin, drücke den matten Messingknopf und warte. Und warte ... erneutes Klingeln und Warten. Noch bevor meine Gedanken irgendwelche wilden Flüche beenden können, ertönt das Summen des elektrischen Öffners und die hässlich-beige lackierte, schwere Holztür schwingt einen Spaltbreit auf. Ich betrete gespannt den schwarz-grau gefliesten Flur, die Wände sind ebenfalls in zwei Beigetönen gestrichen, eine matte Deckenleuchte taucht das alles in diffuses Licht. Holztreppen führen am Ende des Flures nach oben und unten. Vor dem Treppenhaus sind links wie rechts je eine dunkle Tür, wobei die linke offen steht.
"Frau Crelu?", frage ich etwas ungläubig, als ich eine schlanke Frauengestalt im Türrahmen entdecke, die irgendwie gar nicht mit meinem Bild einer typischen Hausmeisterin übereinstimmt: Anfang 20 vielleicht, ca. 1,70m groß, platinblonde, knapp schulterlange Haare, kaugummikauend, bauchfreies Top mit der Aufschrift 'Bitch', pinkfarbener Mini und breiter Ledergürtel. Außerdem ist sie barfuss und schüttelt gerade den Kopf.
"Tia geht's net so gut, ich zeig dir deine Bude. Ich bin Angel.", schmatzt sie am Kaugummi vorbei mir entgegen.
Ich nicke nur und antworte schlicht: "Bin Marc."
"Ich weiß. Ich hole nur schnell deine Schlüssel, warte 'ne Sekunde." Mit diesen Worten verschwindet Angel in der Wohnung und kommt anschließend wieder, tänzelnd, wie ein Känguru auf Dope. Sie grinst mich auf dem Weg zur Kellertreppe breit an und meint im Vorbeigehen: "Dein Alter hat hier ja ganz schön Wind gemacht. Im Keller meine ich. Alles raus, alles neu. Hat ne ganze Stange Geld gekostet, hat Tia gesagt. Wieso biste denn überhaupt in so ein Loch gezogen?"
"Lange Geschichte", antworte ich knapp und ausweichend. Die Kellerwände sind frisch gestrichen, dunkelgrau unten, weiter oben in weiß. Einfache, vergitterte Kellerlampen mit grellen 100-Watt-Birnen wirken, als beleuchten sie Dinge, die besser in der Dunkelheit verbleiben würden.
"Das Licht geht, Strom haste auch und der Fritze von NetCologne war letzte Woche da. Müsste alles klappen", erklärt die Platinblonde.
"NetCologne?", frage ich unsicher.
"Na, son Fritze vonner Telefongesellschaft halt. Musste doch wissen?!", Angel wirkt etwas irritiert.
"Ach, ja richtig", versuche ich mich aus der Affäre zu ziehen.
Wir stehen vor einer stählernen Feuerschutztür, grau lackiert, Angel sucht den richtigen Schlüssel. "Möbel sind da. Hoffe es ist nichts verloren gegangen oder im Arsch, war alles etwas hektisch. Gepäck steht auch da."
Die schwere Tür schwingt auf, schlanke Frauenfinger tasten nach dem Lichtschalter und mein Domizil erstrahlt in indirekter Halogenbeleuchtung.
Willkommen daheim, Marc Conelly.

Chapter 1
[]

Die vertraglichen Angelegenheiten hatte ich schon von Hamburg aus geregelt, oder besser gesagt, Art hatte dies für mich übernommen. Er war es auch, der mir immer wieder geraten hatte, Hamburg doch nicht zu verlassen, alle Brücken zu meiner Vergangenheit abzubrechen und mich in einem Kellerloch in Köln zu verkriechen. Genauso war es ja auch gar nicht, aber Arthur neigt 'ein wenig' zur Übertreibung. Sorgen um meine Person hat er sich schon in meinen Kindertagen gemacht und mich auch immer wieder mit aufrichtiger Freude begrüßt, wenn ich mal zu einem kurzen Besuch ins elterliche Haus zurückkehrte.
Nun ist er ein zufriedener Butler im Ruhestand, sitzt in seiner gemütlichen Wohnung und liest von morgens bis abends obskure Bücher. Zumindest mag ich es, ihn mir genauso vorzustellen.
Er war es auch, der sich um die Arbeiten in meiner jetzigen Behausung gekümmert hat, während ich in Hamburg mit weitaus unschöneren Formalitäten beschäftigt war. So ist die etwa 140m_ große Kellerwohnung inzwischen komplett renoviert, soweit das möglich war. Der Boden ist weiß gefliest und erhielt eine Fußbodenheizung, die Wände sind auch überwiegend hell gestaltet, sowohl Bad wie Küche wurden komplett neu installiert und minimalistisch-modern eingerichtet. Dann habe ich einen Arbeitsraum, vollgestopft mit Bürokram und Büchern, ein halboffenes, großes Schlafzimmer, das mich gleich gedanklich wieder zu Angels Body bringt und ein so gut wie leeres, gigantisches Wohnzimmer. Cool. Art hat meine Klamotten schon teilweise eingeräumt, obwohl ich ihm sagte, dass ich das schon selber erledigen könne.
Mein Rucksack ist gleich nach Blondchens Verschwinden auf der schwarzen Rolf Benz Ledercouch gelandet — dem einzigen, wirklichen Luxusartikel aus meinem ehemaligen Hamburger Heim, von dem ich mich nicht trennen wollte.
Ganz schön still hier, so allein hier unten. Irgendwie ... nicht direkt unheimlich, aber schon ein wenig gewöhnungsbedürftig, so ohne vernünftige Fenster. Das einzige natürliche Licht fällt am Tage indirekt durch ein paar schmale, flache Lichtschächte in die Wohnung und bei geschlossenen Fenstern höre ich auch kaum den Verkehr auf der Straße. Irgendwie ist es wie Hausarrest, in die Besenkammer gesperrt, wie Einzelhaft oder wie auf einem anderen Planeten. Aber ich hab's ja so gewollt.
Ein Blick in den Kühlschrank sagt mir, dass morgen erst einmal Einkaufen auf dem Plan steht und für heute Hungern. Um mir jetzt noch was zu Futtern zu organisieren, fehlt mir nach diesem Tag eindeutig der Elan, also schnappe ich mir die TV-Fernbedienung und mache es mir mit einer Flasche Mineralwasser und einem Snickers aus dem Reisegepäck gemütlich. Wie anstrengend der Tag wirklich war, realisiere ich erst, als ich während eines Ruf-mich-an-Werbespots auf Sat1 aufwache. Mit schmerzendem Rücken von der unbequemen Haltung auf der Couch richte ich mich mit trockenem Mund auf und greife nach der Wasserflasche. Leer.
Also trinke ich notgedrungen ein paar Schluck kaltes Leitungswasser. Die eingeblendete Uhr im TV zeigt 04:07 Uhr. Prima Zeit, denke ich mir. Jetzt noch das Bett zu beziehen, zu duschen und mich richtig schlafen zu legen dauert mir zu lange, außerdem bin ich viel zu neugierig was mein neues Leben angeht.
Mit einer kurzen, heißen Dusche wecke ich die Lebensgeister und springe in neue Klamotten. Erster Akt: Erkundung des Kellers! Ein Pulli wäre nicht schlecht, außerhalb meiner Bude ist sicher nicht geheizt. Kommt man die Kellertreppe hinab, so ist der ganze linksseitige Bereich mein Refugium, hinter dieser unattraktiven Feuertür mit, tja, Keller-Charme, was sonst. Schräg gegenüber ist ein Heizungskeller, auch eine Feuertür. Abgeschlossen, aha. Gegenüber dem Treppenhaus dient ein offener Holzverschlag als Fahrradkeller; ein altes Hollandrad, dessen Farbe vor lauter Staub und Dreck nicht zu erkennen ist und ein auch schon in die Jahre gekommenes Rennrad parken hier. Im rechtsseitigen Kellerteil entdecke ich zuerst einen Raum mit lauter Putzkram und einfachem Werkzeug und eine Waschküche. Zwei Waschmaschinen und zwei Trockner stehen hier glücklicherweise rum. Ans Wäschewaschen hatte ich noch gar nicht gedacht, das kann ja heiter werden. Auf einem Trockner liegt ein Zettel auf den jemand fast unleserlich 'KAPUT' geschrieben hat, auf einem Wäscheständer trocknen drei Jeans und andere Klamotten. Weiter entdecke ich die Zählwerke für den Stromverbrauch, glaube ich, als plötzlich das Kellerlicht erlischt. "Notiere: Taschenlampe kaufen", murmele ich leise vor mich hin und taste nach dem nächsten Lichtschalter.
Im restlichen Keller entdecke ich nur noch eine weitere Feuertür, unbeschriftet und abgeschlossen, sowie acht einzelne Holzlattenverschläge mit Vorhängeschlössern an den klapprigen Türen — Mieterkeller, nehme ich an.
Coole Sache, mein neues Zuhause. Im wahrsten Sinne, sehr kühl hier unten, und so freue ich mich über die frisch installierte Fußbodenheizung in meiner Gruft. Gruft. Guter Name für mein Kellerloch.

"Arthur Wilkenshire, guten Abend.", meldet sich Arts vertraute Stimme am anderen Ende der Leitung.
"Art, altes Haus, hier ist Marc! Ich wollte mich mal melden und mal hören, wie es in Hamburg denn so läuft." Eigentlich will ich vor allem rausbekommen, was diese komischen Symbole auf den Waschetiketten meiner Kleider bedeuten, aber es ist auch schön, wieder eine bekannte Stimme zu hören.
"Master Marc ... entschuldige, das mit dem Master wollten wir ja vergessen. Wie geht es dir? Bereust du schon deinen Entschluss Hamburg zu verlassen?" In seiner Stimme schwingt echte Besorgnis mit, aber das bin ich von ihm anders irgendwie auch nicht gewohnt.
"Nein, nein, hier ist alles bestens, du hast wirklich geniale Arbeit geleistet mit der Bude hier. Gefällt mir gut. Aber wie geht es dir?"
"Nun", antwortet der Ex-Butler, "ich genieße so langsam den Ruhestand und widme mich gerade mal wieder der 'Göttlichen Komödie'. Brauchst du meine Hilfe? Soll ich nach Köln kommen und nach dem Rechten sehen?"
Nur mühsam kann ich mir das Grinsen verkneifen. "Nicht nötig, ich habe hier langsam alles im Griff. Die letzten Tage waren nur stressig, viele Sachen ein- und umräumen, einkaufen und so weiter. Auch wenn dies nur ein kleiner Hausstand ist; es ist unbegreiflich, wie viel Zeug ich schon eingekauft habe! Lebensmittel (... Konserven und Mikrowellen-Fertiggerichte ...), Putzkram (... nachdem ich rausfand, wie teuer eine Putzfrau wäre ...) und noch Kleinigkeiten für die Wohnungseinrichtung (... eine Playstation2 ...), so was halt. Und Werkzeug habe ich auch gekauft." Das allerdings nur, weil hier fast um die Ecke ein 'Bauhaus-Baumarkt war, und ich nach dem vorgestrigen Besuch bei McD nach Burgern und Fritten der Meinung war, nen Werkzeugkasten zu brauchen. Für alle Fälle habe ich mir auch ein Akku-Bohr-Dings, eine Stichsäge und irgendsowas zum Schleifen besorgt. Als nächstes kaufte ich eine große Alu-Kiste, um den ganzen Krempel unauffällig in der Wohnung verschwinden zu lassen. "Ach und Waschpulver habe ich auch gekauft ... warum nicht flüssig? Keine Ahnung ... Weichspüler? Farbwäsche oder weiß? ..."
Jedenfalls ist nach einer Viertelstunde auch das Geheimnis des Waschens geklärt. Es ist Mittwoch [25.11.04], 18:18 Uhr, wie ein Blick auf die Swatch verrät. Shit, zu spät für die Bank, aber zum Geldautomaten muss ich noch.
? Ungläubig stehe ich im Foyer der Citibank-Filiale, in dem mich die Displays der Geldautomaten und 'Servicestationen' anglotzen. Von wegen Service. 'Eine Bargeldauszahlung ist momentan leider nicht möglich.' Ich solle mich 'bei Problemen an einen Filialmitarbeiter wenden', na, Superidee, danke! Ziemlich angesäuert organisiere ich ein Frust-Festmahl: Ein kühles Sixpack und eine große Gyros-Pizza mit reichlich Zwiebeln und Knoblauch; dafür reicht es gerade noch. Erst auf dem Weg zur 'Gruft' kommen mir leise Bedenken, was der Grund für die Geldautomatenpleite sein könne. Cash müsste noch genug vorhanden sein und obwohl ich in dieser Woche bereits eine stattliche Menge davon unters Volk gebracht habe ... mein Wochenlimit liegt bei zweitausend Euro oder so, das sollte es eigentlich auch nicht sein. Ein Gutes hat diese blöde Sache aber: Wenigstens weiß ich womit ich morgen den Tag zu beginnen habe.
Vor dem einsetzenden Regen flüchtend steige ich die drei Stufen zur Haustür hinauf und lehne mich, den Schlüssel suchend, an sie, als sie unvermittelt von innen geöffnet wird. Er ist genauso überrascht wie ich, nur ist er etwa 35, 1,70m groß, hat dunkle, kurze Haare, ist unrasiert und trägt eine Brille. Dann grinst er mich an, hält mir die Tür auf und fragte: "Zu wem willste denn?"
Wir sind also schon beim Du, gut.
"Ich wohne hier. Bin am Freitag in den Keller gezogen."
Wäre sein stechend scharfer Blick nicht, so würde sein Grinsen wahrscheinlich wahnsinnig dämlich wirken. "Im Keller wohnt einer? War da schon ewig nicht mehr unten ... heiße Ilias und wohne im Ersten."
Er streckt mir zum Gruß die Hand entgegen, worauf ich nur hilflos beide Arme hebe, die Food & Drinks tragen, und antworte: "Marc. Conelly. Freut mich." Ich schiebe mich an dem Grinsemonster vorbei ins düstere Innere, während er mit einem: "Tschüss, schönen Abend noch" im nasskalten November verschwindet.

[Do, 26.11.04, 09:51, Citibankfiliale Ringe]
Noch immer rast das Adrenalin durch meine Adern, als ich das Bankgebäude verlasse. Ich bin ja ein wahrlich friedliebender Mensch, aber es hat mir höllischen Spaß bereitet, der Frau Schmitz meiner Hausbank mal so richtig in den Arsch zu treten! Zudem hat sie auch meine Knobifahne leicht betäubt, aber schließlich sind wir nun beide zufrieden: Sie, weil sie mich los ist - ich, weil ich ein größeres Bargeld-Limit habe und den festen Vorsatz, mich in Zukunft finanziell etwas zu zügeln. Mit anderen Worten: Ich könnte eigentlich noch einen DVD-Recorder brauchen, aber warte damit, bis ich ihn mir zu Weihnachten schenke oder so ähnlich. So gut ich mich im Moment auch fühle, auf lange Sicht muss ich meinen Lebensstandard deutlich an meine Möglichkeiten anpassen oder, was noch besser wäre, ich besorge mir einen Job.
Zuhause angekommen hänge ich mich ins Internet, checke wie immer zuerst die Mails und lande letztendlich bei Jobangeboten für den Kölner Raum. Einen richtigen Vollzeitjob will ich jetzt eigentlich noch nicht haben. Aufgrund einer monatlichen Überweisung aus dem Erbnachlass meiner Eltern und angesichts der kostengünstigen Unterkunft verbleibt eigentlich genug Geld, um über die Runden zu kommen. Andererseits habe ich nicht gerade viel zu tun, jetzt, wo auch die Wohnung weitestgehend eingerichtet ist und außerdem werfe ich auch ganz gern mal Geld zum Fenster hinaus, zugegeben.
"Call-Center Agent. Mmh.", murmele ich vor mich hin. Labern kann ich ja, aber den Leuten am Telefon Waschmaschinen und Lebensversicherungen andrehen? Ich weiß nicht. Mal weitersehen. 'Begleit-Service sucht attraktive Studentinnen. Gute Verdienstmöglichkeiten'. Sehr interessant, denke ich mir grinsend. ‚Kurierdienst sucht Fahrer in Teilzeit. Kenne mich leider in Köln kaum aus und glaube daher weniger Chancen auf den Job zu haben.
'Studenten-Club sucht attr. Kellner, m/w, 18-28, regelm. zur Aush. 8 € +TG, Do/Fr/Sa 21.00-04.00'. Puh. Sieben Stunden kellnern. Was man für Geld nicht alles tut. Ich habe schon den Hörer in der Hand, als ich noch eine Anzeige entdecke, die mir noch interessanter zu sein scheint: 'Antiquariat sucht Aushilfe. Gerne Student/in. AZ 12:00 bis 18:00, 1-2x pro Woche oder mehr.' Hört sich auch gut an, ein paar Stunden alte Möbel polieren, einer Oma ein Sideboard in die Wohnung schleppen oder so was. Den Job probiere ich vorher zu bekommen. Die Studi-Dizze läuft mir sicher nicht weg. Mmmh. Mein Anruf wird nicht entgegengenommen, aber ich werde es später noch einmal versuchen und im Auge behalten. Inzwischen wähle ich die Handynummer von der Kellner-Anzeige.
"Meier?", raunt mich eine unfreundliche Stimme an.
"Äh, ja. Hallo, mein Name ist Marc Conelly und ich rufe wegen des Kellner-Jobs an."
"Morgen Abend, Viertel vor Acht. Wie war Dein Name noch gleich?"
Ich wiederhole ihn und antworte irritiert: "Was? Ich hab den Job?"
"Mal sehen.", quakt es aus der Hörmuschel, "Sei pünktlich. Der Laden heißt Das Ding und ist _________________________________."
"Irgendwelche besonderen Klamotten, oder ..."
"Was du so an Partysachen im Schrank hast, nichts zu Ausgefallenes. Tschau."
So kurz angebunden wie der Kerl war, muss ich bei irgendwas gestört haben. Soll nicht mein Problem sein. Beim Antiquariat geht noch immer niemand ans Telefon. Egal, vielleicht läuft es ja im Ding.
Mit den Gedanken schon ganz beim Mittagessen — das Frühstück bestand lediglich aus Kaffee — düse ich durchs WWW, entscheide mich für Spaghetti mit Pesto und lasse das Kochrezept samt Zutatenliste ausdrucken während ich meine Dockers schnüre, in die gefütterte Jeansjacke springe und mir einen neuen, second-hand Armyrucksack schnappe.
Woher ich den Mut zum Essenkochen nehme kann ich selbst nicht erklären, da sogar der Kaffee heute Morgen fast ungenießbar – weil viel zu stark – war. Trotzdem bin ich gut gelaunt und suche mir die Bestandteile meines Mittagessens ins spe nach und nach zusammen. Glücklicherweise regnet es gar nicht mehr und der Himmel scheint langsam freundlicher zu werden. Zum Schluss komme ich noch an einem kleinen Asia-Laden vorbei. Aus ihm duftet es nach ungewöhnlichem Gewürz und im Schaufenster hinter den davor gestapelten Kisten mit Obst und Gemüse werden neben Keramik-Figuren, Kimonos, thailändischen Wichsblättchen, Räucherkram, Tees, Schwertern und Tusche-Kalligraphien auch Reisschüsseln und Essstäbchen angeboten. Selbstbelustigt über den Gedanken ans Spaghettifuttern mit Stäbchen betrete ich das kleine, enge Geschäft. Zwei junge Asiatinnen stehen an der Kasse, nehmen kurz von mir Kenntnis und unterhalten sich weiter. Ich nix verstehen.
Schnell habe ich ein Paar hölzerne Essstäbchen ausgesucht, aber nur eines? Schließlich ziehe ich ein weiteres Paar aus dem Krug, in dem sie im Regal stehen. Sie sind schön; dunkles Holz, schlicht und nur mit einem unauffälligen Muster versehen. Grüner Tee! Habe ich schon lange nicht mehr getrunken. Auf dem Weg zur Kasse nehme ich auch einen Beutel davon mit. Ach was soll's, eine Mango, fünf Bananen, eine kleine Tüte mit Lychees und drei irgendwie asiatisch beschriftete Saucen wandern mit in den kleinen Drahtkorb und an der Kasse tippt die ältere der Asiatinnen alle Preise zusammen. Während dessen lächelt mich die andere, die ihre Schwester sein könnte, schüchtern an und blickt zu Boden, als ich sie zweimal direkt ansehe. Naja.
Schon als ich die Haustür aufschließe, höre ich das lärmende Gepolter. Zwei Gestalten kommen mir vor dem Treppenhaus entgegen und stürmen lachend an mir vorbei. Sie, vielleicht 15, blond, langhaarig und den Kleidern nach zu urteilen auf dem Babystrich arbeitend, ruft im Vorbeirennen noch kurz ein "Hallo!". Er, etwas älter, Stiefel, Bluejeans und Bikerjacke streicht gerade seine dunkelblonden Haarfransen aus dem Gesicht, als er mich anrempelt und ein "Pass doch auf, Penner!" raunt. 'Du mich auch', denke ich mir und verziehe mich in meine Wohnung.
Zwei Stunden später sitze ich bei McD am Barbarossaplatz vor einem Double-Bacon-Cheeseburger mit Pommes Frites und Coke und ärgere mich, dass ich gleich die Küche putzen darf. Notiz für die Zukunft: 'Deckel auf die Küchenmaschine, bevor Du das nächste mal Basilikum, Pinienkerne, Knoblauch und Parmesan mit Olivenöl häckseln willst!' Außerdem können Spaghetti trotz des vielen Wassers am Topfboden tatsächlich festkleben und anbrennen, wenn man sie nicht gelegentlich umrührt...

[Do, 26.11.04, 15:13, Gruft]
"Antiquariat Heybutzki."
Ich bin ja schon erfreut, dass sich da überhaupt noch mal jemand meldet, nachdem ich den halben Tag damit verbracht habe, mich dort für den Job als Möbelschubser zu bewerben.
"Guten Tag, Conelly ist mein Name. Ich würde mich gerne für den inserierten Aushilfsjob bewerben, falls der noch vakant sein sollte."
"Oh, ich glaube schon", säuselt mir eine Frauenstimme entgegen. "Allerdings ist Herr Heybutzki momentan nicht im Haus. Wenn sie mir noch mal Ihren Namen sagen und Ihre ... einen Moment bitte."
Getuschel am anderen Leitungsende.
"Hallo?" Eine Männerstimme. "Heybutzki hier."
Mich beschleicht das Gefühl, diese Stimme irgendwoher zu kennen und ich wiederhole brav mein Sprüchlein.
"Ich bin heute bis Sechs im Laden, vielleicht auch länger. Können sie heute noch vorbeikommen?"
Ich kann. Eine Viertelstunde später bin ich auf dem Weg zum Rudolfplatz. Erfreut hatte ich festgestellt, dass das Antiquariat ganz in meiner Nähe liegt, deshalb gehe ich wieder zu Fuß und lasse den komischen Audi, den ich irgendwie nicht leiden kann, stehen. Bald darauf überquere ich den gepflasterten Platz mit der alten Torburg im Zentrum und entdecke dann auch schließlich das Antiquariat. Ich bin überrascht. Keine antiken Spiegel, Kommoden, Betten und Schränke erwarten mich, sondern Bücher.
? Bücherantiquariate. Das die sich heutzutage überhaupt noch halten können ist ein wahres Wunder, vor allem mit Konkurrenten wie ebay und Freunden. Soll aber nicht mein Problem sein, was ich allerdings nicht von der brünetten Athletin hinter dem mächtigen Holzschreibtisch behaupten kann. Dieses große, sportlich-schlanke Geschöpf in dem bordeauxroten Feinripp-Pulli und mit den schwarzen ... endlos langen schwarzen Jeans dürfte gerne mal zu meinem Problem werden. Als ich eintrete, eine kleine Türglocke hell bimmelt, legt sie ihr Buch zur Seite und steht lächelnd auf. Sympathischer Laden.
"Marc Conelly, ich komme wegen des Jobs", bringe ich mein Anliegen auf den Punkt.
"Ja, ich weiß", sagt sie und präsentiert ihre makellosen, blendend weißen Zähne als sie hinzufügt: "... ein Genitiv-Besitzer also."
Häh? Bevor ich abgewägt habe, ob das nun eine Beleidigung war oder nicht, habe ich sie in die Schublade mit der Aufschrift 'Germanistik-Studentin' gestopft. Habe mich definitiv für das falsche Studienfach entschieden, wie mir — wieder einmal — klar wird.
"Raphael ist gerade noch zur Bäckerei gegangen, kommt aber sicherlich gleich wieder. Den Chef meine ich."
"Oh. Kann ich mich schon einfach mal umsehen?", frage ich um mehr Interesse an dem Laden zu heucheln, als ich tatsächlich habe.
"Sicher, mach nur. Dauert sicher nicht lange, bis er wieder hier ist."
So ist dann auch. Gerade ich mich über die Unmengen Konsalik und Simmel Taschenbücher in den Regalwänden wundere, ertönt wieder die Türglocke und ein grauhaariger Mann, Anfang 50, kommt herein. Im linken Arm trägt er eine große Papiertüte und eine eingerollte Tageszeitung, in der Hand eine Thermoskanne. Ca. 1,70m, schlank, grauer Vollbart, randlose, kleine Brille über intelligenten, traurigen Augen. In seinem Hemd mit Pullunder und Cordhose sieht er aus wie ein Bücherantiquar aus einem Museum oder auf einer Theaterbühne — Raphael Heybutzki, Auftritt links, 1. Akt, 1. Szene.
"Monika, es tut mir leid, aber heute ist wieder so einer dieser Tage ...", setzt der Antiquar an, und lässt sich gerne von der abwinkenden Handbewegung seiner Aushilfe unterbrechen. Auf dem schweren Schreibtisch landen erst einmal die Bäckereitüte, Thermoskanne und der Stadtanzeiger. Ein Seufzer der Erleichterung, dann entdeckt er mich.
"Das ist ..."
"Marc Conelly. Ich hatte wegen des Aushilfsjobs angerufen", helfe ich Monika weiter.
"Ah." Heybutzkis einziger Kommentar, gefolgt von einer ausführlichen visuellen Musterung meiner Erscheinung. "Gut".
Heybutzki wirkt auf mich ungewöhnlich offen und freundlich, aber seine dunklen Augen scheinen nicht zu dem 'netten alten Bücherwurm von neben an' zu passen; sie scheinen mich zu scannen, als ob ihnen nichts entgehen könnte.
Dann kommt der Mann, der irgendwas vom Weihnachtsmann hat, auf mich zu, lächelt und streckt mir mit den Worten: "Willkommen im Team", die Hand entgegen.

Das war das kürzeste Vorstellungsgespräch meines Lebens. Ohne mich zu fragen ob ich mit acht € die Stunde, Pfefferminztee, so viel ich mag und Arbeitszeiten montags sowie mittwochs von 12:00 bis 18:00 Uhr und gelegentlich bei Bedarf einverstanden bin, war ich engagiert. Noch bevor ich das Geschehene verarbeitet habe, ist Raphael Heybutzki auch schon im hinteren Teil des Ladenlokals verschwunden.
Noch ziemlich verdutzt von diesem Auftritt drehe ich mich zu dem Kassenschreibtisch um, zu Monika, die größte Mühe hat nicht lauthals loszulachen.
"So ist der Chef halt.", giggelt sie vor sich hin, "Er ist absolut in Ordnung, etwas eigenartig, eigenwillig, verschroben — nenn es wie Du willst — aber absolut okay."
"Wenn Du meinst ...", zweifele ich noch und stimme dann erst einmal einer Tasse P-Tee zu, wie der extrem starke Pfefferminztee in diesem Gemäuer traditionell genannt wird.
"Zwei Süßstoff, bitte. Danke. Nein, keine Zitrone." Schon halte ich einen schweren, von offensichtlich nicht sehr begabten Händen geschaffenen Tonkrug in Händen. Der Tee schmeckt geradezu atemberaubend und ich genieße in kleinen Schlucken, während Monika mir den Laden erklärt; wo steht was, wie handhaben wir es mit den Preisen, Rabatte, Ankauf macht nur der Chef, Tagesabrechnung ... nur Kleinkram, den zu erklären sich Moni aber auffallend viel Zeit lässt. Ist mir nur recht, da ich keine besondere Pläne habe, wohl aber die Gegenwart der Brünetten (Germanistik-Studi, 5. Semester — ich hatte recht!) zu schätzen beginne.
Monika hat einen feinen Sinn für Humor, weiß sich gewand auszudrücken und hat blitzende, hellblaue Augen, auf die ich irgendwie stehe. Außerdem hat sie 'nen verdammt heißen Knackarsch in ihren Jeans, ist 24, Single aus Lingen an der Ems und seit fast drei Jahren in Köln.
Um mich vor dem sich nun anbahnenden Abschied zu drücken, kommt mir eine nicht allzu abwegige Idee:
"Mmmh, sag mal, kannst Du mir ein Buch empfehlen? Für heute Abend oder so?"
Nach kurzem Überlegen, zeichnet ein süffisantes Grinsen ihr hübsches Gesicht und sie fragt mich: " Fontane oder Ellis?"
Tja, Marc, Du Idiot, das haste nun davon. Von Literatur keine Ahnung kann ich nun eben dies beweisen. Fontane? Theo fällt mir dazu ein ... Effi Briest, oder? Oh weia, ich bin nicht sicher und mache mich sicher gleich zum Affen. Ellis? Sagt mir noch viel weniger! Schöne Bescherung.
"Fontane? Fontane!", antworte ich mit unsicherer Verzweiflung.
Sie blickt mich kurz überrascht an.
"Das war eigentlich nicht ernst gemeint ... Ellis? Schon mal was gelesen, von dem?"
"Keine Ahnung, sagt mir nichts." Mehr als noch mehr daneben hauen kann ich jetzt wohl ohnehin nicht mehr, denke ich mir und folge ihr durch die engen halbdunklen Gänge zwischen den raumhohen Regalreihen. Zielstrebig greift sie zu und drückt mir ein Taschenbuch in die Hand: Bret Easton Ellis, 'Die Informanten'. Davon habe ich noch nie zuvor gehört, aber immerhin ist es ihr Lieblingsroman des Amerikaners, wie sie erzählt und nachdem ich noch ordnungsgemäß 2,50 € dafür in der Kasse im Schreibtisch habe verschwinden lassen, gehört diese Ausgabe nun mir.
Es ist nach Fünf am Nachmittag, als ich, erfreut über den Verlauf der Jobsuche, den Heimweg antrete. Morgen sehe ich mir noch den Ding-Job an, und kann mir noch überlegen, ob ich den auch noch nehme, oder es erst einmal dabei bewenden lasse. Heute Abend werde ich das Buch zu lesen beginnen und ... Moment mal. Ich habe nicht einmal ein Bücherregal, fällt mir ein. Kein richtiges, ich habe eigentlich auch gar keine anderen Bücher, nachdem die Bibliothek meiner Eltern im Hamburger Haus verblieb. Ich hielt es für eine gute Idee, auf diesen Papierkram beim Umzug zu verzichten, aber nun ist es irgendwie schon peinlich.
Egal, aber ein Bücherregal muss erst einmal her. Morgen früh. 'Koste es, was es wolle!', denke ich mir in blinder Aktionswut. Sofort erinnere ich mich aber auch an das Debakel, kürzlich am Geldautomaten und erinnere mich aber gleichzeitig voller Abscheu an diesen Riesenladenklotz, den ich irgendwo südlich von Köln mitten im Berufsverkehr ewig lange gesucht habe, nur um dann festzustellen, dass alle Möbel irgendwie wie BILLY, das weltlangweiligste Bücherregal, aussahen. Sparen ist zwar schön und gut, aber da muss eine kreativere Lösung her. Bis morgen habe ich glücklicherweise Zeit, das Problem kreativ zu überdenken.

[Fr, 27.11.04, 08:01, Gruft]
Brötchen zum Frühstück, frisch vom Bäcker! Einfach wundervoll ... denkste! Nicht bei Nieselregen und böigen 7°C, es sei denn man kann jemanden rausschicken. Klare Sache, ich brauche dringendst einen Butler, oder besser noch: ein Mädel muss her.
Und ein neuer Wecker muss auch her. Der Projektionswecker im Starck-Design ist selbst unter einem dicken Federkissen noch viel zu laut. Entnervt steige ich schlaftrunken aus dem Bett und stakse etwas steif ins Bad. Die kurze Dusche weckt mich, verbessert meine Laune allerdings nicht merklich. Ich stopfe lustlos zwei Scheiben angetrocknetes Leinsamenbrot in den Toaster, stelle die Milchflasche, nachdem ich den ersten Schluck in die Spüle ausgespukt habe, wieder in den Kühlschrank und greife nach einer halbvollen Flasche O-Saft. Zusammen mit etwas Nuspli ergibt das bekanntermaßen ein Frühstück für wahre Helden. Oder etwas Ähnliches jedenfalls.
Operation Bücherregal steht an, obwohl nicht einmal halb soviel Elan vorhanden ist, wie noch gestern Nachmittag — ich habe es nicht einmal geschafft, den komischen Roman zu lesen. Gerademal für die Rückenklappe hat's gereicht, dann allerdings habe ich irgendwelche schrottigen TV-Serien gesehen, irgendwas mit einem Cop in Dortmund, keine Ahnung, war ziemlich dämlich. Eine Runde durchs Netz geflitzt und dann ins Bett gekrochen, nicht gerade spektakulär, würde ich sagen.
Einen grandiosen Geistesblitz bezüglich des Regal-Problems hatte ich bisher noch nicht, muss ich sagen. Auf den mir bekannten Designer-Sides war ich zwar schnell fündig geworden, aber ohne Papis Platinkarten bin ich ziemlich schnell am Ende, wenn ich in diesem Stil weiter prasse.
Aus Mangel an Lösungsideen schiebe ich Mission:Regal auf die lange Bank und erledige andere nervige Kleinigkeiten, wie das Ummelden des Wohnsitzes. Behörden. Meine Freunde und Helfer. Der Vormittag ist gelaufen, als ich einen neuen Personalausweis beantragt und meinen Wohnsitz offiziell geändert habe.
"Nur nicht drüber nachdenken", murmele ich leise, als ich das Bürgeramt mit der stickigen Luft verlasse und taumele erst einmal mehr oder weniger benommen die Hohe Straße hinab, eine der Kölner Haupt-Shopping-Meilen. Viele lustige Geschäfte, viele Versuchungen wenig vorhandenes Geld zu verplempern, aber ich bin standhaft. Bis zu diesem einen Laden, den ich unter den ganzen Anderen fast übersehen hätte.
Ein CD-Rack der 'besonderen Art' fasziniert mich: Schwarzbraunes, unlackiertes Holz, abgeflachte pyramidische Form, grobe Handarbeit aus soliden Brettern. Die dezenten Verzierungen erinnern, wie das ganze Dings, stark an Maya-Tempel oder etwas der Art. Wow.
Einen Augenblick später stehe ich zwischen mannshohen Spiegeln mit goldlackierten Rahmen im Rokoko-Look, Galionsfiguren, erotischen Holzskulpturen, Accessoires und Tinnef, ausgefallenen Möbelstücken, von denen sich niemals zwei mit denselben Worten beschreiben lassen. Sehr eigenartig.
"Guten Tag", begrüßt mich der Flaschengeist, der gerade den Verkäufer spielt.
Nein, ich habe keine drei Wünsche frei, bin ich versucht mir einzureden, produziere ein erstauntes Lächeln und frage mich wie ein derart winziges, mickeriges Männchen in schwarzer Lederbekleidung eine solch tiefe Stimme zustande bringt.
"Ja, guten Tag auch. Bücherregale? Haben sie so etwas in der Art, oder ist mein Anliegen zu profan für Ihr Sortiment?" Schon befürchte ich; etwas zu dreist aufgetragen zu haben, aber der Dschinn lächelt nur verschmitzt. Oder er versucht mich zu hypnotisieren, ich bin nicht ganz schlüssig, jedenfalls führt er mich an einem Holzpferd auf Rädern mit einer Rückenhöhe von ca. 1,60m und anderen Kuriositäten vorbei, räumt eine Truhe aus dem Weg und hängt einen angestaubten Gobelin ab. Bingo. Zugegeben, es passt absolut gar nicht in mein minimalistisch durchgestyltes Zuhause, aber es ist wahnsinnig ... ausgefallen. Dunkles, fast schwarzes Holz, nur grob bearbeitet. Drei schwere Regalböden, getragen von zwei auf den Kopf gestellten V's aus demselben Holz. Verbunden mit scheinbar schmiedeeisernen Eisenwinkeln und dicken Bolzen.
Über den Preis darf ich zwar nicht nachdenken, aber ich will es. Ich kaufe es, das heißt, nein. Ich sage Seiphier, dem scheinbar doch wünsche-erfüllenden Geist, dass ich noch den Wagen holen müsse, um das Monster nach Hause zu schaffen.
Als ich den Audi aufschließe, bange ich mit meiner Einschätzung der Abmessungen. Wird das Regal DA reinpassen? Höchst fraglich, wie ich zugeben muss. Abwarten. Also los geht’s. Jedenfalls war so die Planung. Natürlich springt die gottverdammte Mistkiste von einem verfickten kackbraunen Audi nicht an, egal wie oft ich es versuche, es tut sich einfach nix.
Es kostet mich einige Überredungskünste und 30 € plus Trinkgeld mehr, um Seiphier und seinen Bruder dazu zu bewegen, mir den Regalschrank zum Rathenauplatz zu fahren und auch in den Keller herunter zu tragen. Damit ist schließlich auch ein Problem gelöst, dass ich in meiner Planlosigkeit gar nicht bedacht hatte.
Wow. Gleich rechts/links neben meiner Eingangstür parkt nun mein neues Bücherregal. Mit einem einzigen Buch darin. Und sieht so verdammt lächerlich aus. Nun, was soll's? Ein Problem ist gelöst, auch wenn es dazu beinahe den ganzen Freitag gekostet hat...
Freitag! Verdammt noch mal! Fast hätte ich mein Date mit Müller und dem Ding verschwitzt!
Müller heißt Meier und ich stehe frisch gestriegelt pünktlich um Viertel vor Acht vor dem Ding. Das Ding. Im Erdgeschoß von einem stinknormalen Bürohaus, an dem ich in den letzten Tagen auch schon öfters vorbei marschiert bin. Macht nicht viel her, von außen jedenfalls. Die Scheiben sind mit schwarzer Folie verklebt und lediglich die Veranstaltungspläne für November und Dezember sind angeschlagen.
'Freitag, 27. November: Start-Weekend-Night, Vodka-Cola 2 €.' Guter Preis, würde ich sagen. 'Damen bis 24 Uhr Eintritt frei!'. Aha. Ein Club der Mädels ködern muss? Naja, werde mich mal einfach überraschen lassen. Die Eingangstüren sind verschlossen, davor stehen und warten drei Ischen und eine Pickelfresse, ungefähr in meinem Alter. Mitbewerber für meinen Job? Wie viele Aushilfen werden die wohl brauchen? Wie groß kann ein Laden in diesem Gebäude wohl sein? Fragen, die die Welt bewegen. Ich stelle mich mal zu den Gestalten, verlange mir ein dezent freundliches Lächeln ab und nicke den Vieren knapp zu. Aus den Augenwinkeln taxiere ich die drei Mädels; der Typ ist ohnehin schon aus dem Rennen, wenn er nicht Berufskellner in der dritten Generation oder der Sohn des Schwagers vom Müller ist. Meier. Er heißt Meier.
Genau genommen sehen die drei ziemlich identisch aus; verdammt jung, verdammt nuttig, verdammt billig. Kurz: Genau mein Ding.
Im nächsten Moment öffnet sich eine Seite der Doppeltür im Eingang und ein großer, breitschultriger Glatzkopf wird durch den Spalt geschoben. Dreitagebart, Kippe im Mundwinkel; genauso stelle ich mir einen zukünftigen Arbeitgeber vor, supi.
Im Gänsemarsch folgen wir dem Riesen ins Innere, durch einen winzigen Kassenbereich mit angeschlossener Garderobe. Vorbei an einem verwaisten Tresen, quer über die Tanzfläche zu einer zweiten Theke mit kleiner Chill-Area. Aus den Boxen dröhnt runtergeregelter Dancefloor und der Riese deutet, immer noch schweigend, auf die Kaffeetische und Stühle. Wir suchen uns ebenso schweigend Plätze an zweien der Tische, neben mir nimmt eine gut zwanzigjährige in schwarzem Lackmini und bauchfreiem Top und süß gepierctem Nabel Platz zum Sitzen.
Der Riese taucht unvermittelt aus dem Nichts wieder auf, drei Kulis und fünf 'Personalbögen' in den Pranken, die wir gewissenhaft ausfüllen.
Ergebnis dieser Aktion ist, dass der Riese uns mitteilt, dass sich Meier, der Chef, der zurzeit nicht im Laden sei, telefonisch mit uns in Verbindung setzen würde. Es würden zwei oder drei Leute gesucht, zu den Bedingungen, wie sie in der Annonce zu finden waren. Jeder von uns bekommt noch zwei Freikarten fürs Ding in die Hand gedrückt, die dann vom Riesen zum Abschied noch mal kurz zerquetscht wird und wir sind fertig mit der 'Vorstellungsaktion'. Kann in dieser Stadt eigentlich gar nichts 'normal' laufen, Herrgott noch mal?!
? Während ich die Haustür aufschließe, höre ich schon das Gezetere im dahinterliegenden Flur. Eine laute Männerstimme beschwert sich heftigst wegen Vernachlässigung der Pflichten und Besitzer anrufen und soweiter. Die Stimme gehört zu einem gut fünfzigjährigen, untersetzten Männchen mit Halbglatze, Bierbauch und hochrotem Gesicht; kurz vor einem Nervenzusammenbruch. Ihm gegenüber eine schlanke, fast dürre, junge Frau, die ich auch nicht kenne, in schwarzem Jogginganzug, Hausschuhen und mit einem dicken Wollschal um den Hals. Fiebrige, dunkle Augen verraten ihre Erkältung, der Gesichtsausdruck verrät ihr Desinteresse an dem Geschwafel des Kerls, der mich nur kurz registriert um dann weiter zu keifen.
"Sauerei ist das!", der Mann wendet sich kochend vor Wut ab und marschiert Richtung Treppenhaus. "Jeder kann hier scheinbar machen, was er will! Keine Ordnung hier, ich werde mich über Sie beschweren, jawohl!"
"Mach doch.", antwortet die Erkrankte leise mit belegter Stimme, wischt sich ein paar unbändige schwarze, lange Haare aus dem Gesicht und wendet sich mir zu.
"Marc?", fragt sie etwas unsicher.
Leicht überrascht bejahe ich die kurze Frage, was ein Lächeln zur Folge hat und sie einen Schritt auf mich zukommen lässt.
"Bin Tia, sorry dass wir uns erst jetzt kennen lernen. Sorry außerdem auch für mein exklusives Outfit; eigentlich liege ich mit 'ner fetten Grippe im Bett. Hoffe, du hast dich schon einigermaßen eingelebt."
"Oh, die Hausmeisterin!", ich lächele und schüttele ihr kurz die Hand. "Freut mich, hoffentlich geht's bald wieder besser. Ja, danke, ist ganz nett hier ... aber sag mal, was war das denn gerade für ein Auftritt?"
[Emil Richter, (2. OG links) Sachbearbeiter beim Straßenordnungsamt, Ordnungsfanatiker und Nachbarn-Tyrannisierer.]
"Oh, das.", grinst Tia hellauf begeistert. "Zweite Etage links, Richter. Also nicht Richter, aber so heißt er. Ich glaube, jedes Mietshaus braucht eine Nervensäge — gerade bist Du ihr begegnet."
"Klingt ja sehr sympathisch", lächele ich in diese irritierenden, vom Fieber glasigen Augen.
"Ach, im Grunde ist es halb so wild. Er spielt sich nur gerne auf, ich nehm's normalerweise gelassener. Bin momentan halt nur etwas angeschlagen", erwidert sie und zieht zur Betonung ihrer Erkältung lautstark die Nase hoch. Sie wirkt auf mich wie ein rotznasiges, etwas verwahrlostes Straßenkind und ich warte nur noch darauf, dass sie sich die laufende Nase mit dem Ärmel der Joggingjacke abwischt.
"Wenn sonst alles klar ist verkrümele ich mich wieder in die Gaga-Falle, okay? Aber wenn was ist, dann klingel einfach, kein Problem."
Gaga-Falle? Was zum Henker ... sie schenkt mir noch ein offenes Lächeln zum Abschied und mein Blick bleibt an ihrem Hintern kleben, während sie auf ihr Heim zugeht.
"Eines wäre da noch!", halte ich sie zurück. "Thema: Post ... ich habe keinen Briefkasten entdeckt. Kann ich hier einfach einen anbauen?", frage ich, ohne wirklich einen Plan zu haben, wie ich den Briefkasten vernünftig befestigt bekäme, ohne das ganze Haus einzureißen.
"Ach Du Sch...! Das hätte ich fast vergessen! Nein, kein Problem, eine Wohnung steht immer leer und wird nie genutzt, deswegen haben wir einen Briefkasten übrig." Schon kramt Tia einen Schlüsselring aus der ausgebeulten Hose und überreicht mir einen kleinen Schlüssel mit den Worten: "Der dritte ist's."
"Wieso steht denn immer eine Wohnung leer?", frage ich neugierig und erhoffe fast schon eine skurrile Antwort wie: 'Nach dem Familienmassaker im letzten Sommer, an einem dieser Tage, die sie eigenartig und heiß waren, ist sie nie wieder vermietet worden ...', werde dann aber enttäuscht. Der Hausbesitzer und Vermieter hat das einfach so angeordnet, angeblich. Ohne Nennung von Gründen. Kann ja jeder behaupten.
Ich bedanke mich für den Schlüssel und lasse mir zum Abschied einen Stapel Post, der sich in den vergangenen Tagen in Tias Wohnung angesammelt, hat in den Arm drücken. Nervige Sache, dieser Papierkram.
Auf dem Weg in meine 'Gruft', für die ich noch immer keinen anderen Namen gefunden habe, scanne ich kurz die Absender auf den Briefen.
Werbung, Pizza-Taxi (Bingo!), Eton, Chinaman (noch mal Bingo!), Flohmarkt-Flyer, Merideth Weatherman (yes!), Arti!, Bank, noch mal Bank, fremde Bank, AmEx (oh weia!), wer ist NetCologne?
Das war's dann schon.
[Fr, 27.11.04, 22:00, Gruft]
Die Post, so hat sich schnell herausgestellt, ist harmlos. Bank und AmEx, bei denen ich schon wieder wilde Befürchtungen hatte, wollten scheinbar nur mal eben ein Lebenszeichen von sich geben. Eton hat die beglaubigten Kopien meiner Schulunterlagen geschickt, Art sendet mir seine 'besten Wünsche zur neuen Wohnung', irgendwie rührend, wie er sich noch um mich kümmert. Ohne den alten Anstandswauwau hätte ich die letzten Monate kaum auf die Reihe bekommen. Erst der Schock über meiner Eltern Unfall, die Beerdigung in ___________(GB), dann der ganze Papierkram, dann der Schock nach der Testamentseröffnung, dann noch mehr Papierkram und Bürokratie, die Wohnungssuche, Renovierung und, und, und.
NetCologne ist natürlich nur meine Telefongesellschaft, die auch die Flatrate zur Verfügung stellen, mit deren Einrichtung sich Arti doch so schwer getan hat, weil der Serviceanbieter absolut gar nichts auf die Reihe bekam.
Merideths Brief habe ich mir bis zum Schluss aufgehoben. Sie war meine letzte Freundin, mit der ich noch in Britannien zusammen war.
"Lieber Marc.
Nachdem Du nun in Köln Deine Zelte aufgeschlagen hast, hoffe ich sehr, dass sich der Sturm legen wird und die Wogen sich glätten." Typisch Meri, lächele ich mit zwiegespaltenen Gefühlen. "Hier läuft alles in ruhigen Bahnen, lediglich der Rausschmiss von Mike Landon wegen Dopings hat für etwas Wirbel am Rande gesorgt. Tiffy zieht jetzt doch aus, am Ende des Jahres, und Larissa wird hier neu einziehen. Alleine hätte ich die Wohnung nicht halten können.
Du hast hier ein großes Loch hinterlassen, als Du im Sommer so überraschend das Land verließest, aber das habe ich Dir bereits schon zu oft geschrieben oder gesagt. Ich vermisse Dich sehr, vielleicht kannst Du Dich mal wieder öfter melden, wenn Du weniger Stress hast, als ich Dich das letzte Mal in Hamburg besuchte, habe ich ja hautnah erlebt, um wie viele Kleinigkeiten Du Dich zu kümmern hast. Ich würde Dich auch gerne in Köln besuchen, Deine neue Wohnung, die Gegend, die Stadt kennen lernen, wenn Du magst. Vielleicht über die Weihnachtsfeiertage?
Lass mal von Dir hören.
Alles Liebe,
Merideth"
Tja. Soviel zu meiner letzten Ex. Irgendwie fehlt sie mir ja schon, aber als ich den spontanen Entschluss fasste, England den Rücken zu kehren, war ich doch überrascht, wie leicht mir der Abschied von ihr fiel. Mit ihr war alles wie ein einziger, niemals endender Sommertag. Schwer zu erklären, sie war ein sehr ruhiger, 'strahlender' Typ, sah in Allem immer irgendetwas Gutes. Wir hatten eine schöne und unbeschwerte Zeit, an die ich mich auch im Nachhinein gerne zurückerinnere.

?[Samstag, 28. November 2004, 10:44 Uhr]
Moah, Samstagmorgen! Von zehntausend Presslufthämmern geweckt drehe ich mich noch mal entnervt im Bett um, der kühle Stoff des seidenen Bettbezuges lässt mich frösteln; ich wäre schon längst auf Jersey-Bettwäsche umgestiegen, wenn sich die Seide nicht so verdammt geil anfühlen würde.
Letzte Nacht ist entschieden zu kurz gewesen. Die ganze Zeit bin ich durch das Netz geflitzt, auf der hektischen Suche nach irgendwelchen spannenden Pornosites. Dazu gab's kannenweise grünen Tee und Beschallung durch den TV-Sound, von dem ich aber eigentlich gar nichts mehr mitbekam, nachdem ich mich in einem Channel bei Chatcity festgequatscht hatte. Eigentlich bin ich nur auf den Chat neugierig geworden, weil es einen 'Köln-Channel' gibt, und ich dachte, ein paar Insidertipps zum Überleben in dieser komischen Stadt abzustauben. War aber nur das übliche blabla, doch auch das hat noch Spaß gemacht.
Frisch geduscht, und zur Feier des Monats auch mal glatt rasiert, organisiere ich flugs Milch, Kakaopulver, Müsli, O-Saft und eine Banane. Stolz, inzwischen wenigstens ein Frühstück hinbekommen zu haben, blättere ich nebenbei löffelnd im Kölner Stadtanzeiger. Ich finde nichts wirklich Interessantes. Am liebsten würde ich ja einkaufen gehen. Meine Garderobe ist zwar erschreckend umfangreich, was Anzüge, School- und Business-Outfits angeht, aber in Sachen Jeans und Pulli oder anderen Alternativen sieht es sehr düster aus. Als ich aus dem Karriere-Alltag in England ausbrach, nahm ich mir vor, in Hamburg meinen Bekleidungsstil zu verändern, noch nicht ahnend, wie viel Arbeit dort auf mich wartet. Anschließend verschob ich die Aktion auf die Zeit nach dem Neuanfang in Köln, doch jetzt ist mein Konto geplündert, es ist Ende des Monats und eigentlich wollte ich heute zum ersten Mal Köln als Partystadt antesten. Gestern habe ich noch via Internet meine Banksituation gecheckt und verschaffe mir gerade in meinem Portemonnaie einen Überblick. Große Sprünge lassen sich damit nicht machen, aber für das Wochenende wird es schon reichen. Den umfangreichen Einkaufsbummel verschiebe ich auf den nächsten Monat.
Bevor ich das Haus verlasse, stelle ich die Spülmaschine an, nachdem ich nicht wie beim ersten Mal vergesse, ein Spülmittel-Tab dazuzugeben. Langsam habe ich Sachen hier voll im Griff!
Draußen scheint es trocken zu sein, sicherheitshalber stopfe ich doch noch den Knirps in den Rucksack, krabbele in den Kamelhaar-Mantel und los geht’s. Trotz der viel zu früh beendeten Nachtruhe bin ich motiviert und energiegeladen, fühle mich ganz einfach richtig gut und fliege die Treppenstufen hinauf. Im Hausflur treffe ich auf Tia im Morgenmantel und mit Taschentüchern in der Hand und eine rothaarige Wow!-Frau in hautengem Radlerdress.
"Morgen, Marc", näselt mir Tia zur Begrüßung entgegen und lächelt mich aus verquollenen Augen an. Echt beschissen sieht die aus, so krank wie sie ist.
"Moin, die Damen!", antworte ich und probiere es auch mal mit einem Lächeln.
[Jasmin Hoffmann, (EG rechts) praktische Ärztin, joggt, fährt MTB, steht auf Sushi und experimentiert gern mit Actionpainting ...]
"Marc, das ist Jasmin. Sie wohnt über Dir und sie ist der Grund der kleinen Auseinandersetzung, die Du gestern zwischen mir und dem Richter, die Du gestern mitbekommen hast.", sagt sie lächelnd und erhält als Antwort einen freundschaftlichen Hieb mit Jasmins Ellenbogen in die Rippen. Die beiden scheinen sich zu verstehen, wenigstens wohnen hier nicht nur Streithähne im Haus.
"Morgen Marc und willkommen im Haus. Brot und Salz habe ich leider nicht gerade zur Hand", sagte sie lächelnd und wir schütteln einander die Hände.
Jasmin ist eine richtige Hexe, dunkel-kupferrotes Haar, gut schulterlang, grüne Augen und ein aufregender Mund sehen äußerst interessant aus. Sie ist sicher fast 1,80m lang, und athletisch, drahtig. Hat einen kleinen Busen und einen flachen Po, überhaupt scheint kein Gramm Fett an ihrem Körper zu sein, wie der Fahrrad-Zweiteiler verrät.
"Was hast Du angestellt, dass sich der Glatzkopf so aufgeregt hat?", frage ich Jasmin.
"Immer dasselbe mit dem", antwortet diese, "in der offiziellen Hausordnung steht etwas von einem Abstellverbot für Fahrräder im Flur und der Richter regt sich auf, wenn ich mein Bike hier abstelle und nicht gleich sofort in den Keller runtertrage. Deswegen nervt der Kerl schon seit einem halben Jahr, als ich hier einzog."
"Oh, das ist alles? Dabei ist der Flur doch breit genug?!"
"Dem Richter ist der Grund egal, wenn er sich über irgend etwas aufregen kann — er tut's", mischt sich Tia ein und Jasmin nickt nur bekräftigend.
Jasmin verabschiedet sich, um in ihrer Wohnung zu verschwinden, Tia tut dem gleich und ich setze meinen Weg in die Stadt fort.

[Samstag, 28. November 2004, 18:51 Uhr, Gruft again]
Sieben Stunden später sinke ich völlig geschlaucht in das weiche Leder meiner schwarzen Couch. Einkaufen kann verdammt anstrengend sein, zumindest samstags in Köln. Angefangen habe ich mit dem Plündern der letzten Bankreserven. Inzwischen bin ich diese wieder los, dafür aber an Erfahrungen reicher ... im Übrigen habe ich eine Replay-Jeans, ein Hemd aus einem strangen Shop und ein paar hohe Dockers erstanden. Anschließend durfte ich feststellen, dass mein Wagen noch immer nicht anspringt und habe beschlossen, am Dezemberbeginn eine Werkstatt anzurufen und um Hilfe anzubetteln. Lebensmittel habe ich auch eingekauft, und unmotorisiert wie ich zurzeit bin, nach hause geschleppt. Nachdem diese in der Küche verstaut sind bin ich definitiv zu müde zum kochen und krame auf meinem PC-Schreibtisch nach dem Flyer des Chinamannes.
"Wong China-Express", lese ich leise. Sehr einfallsreich. Bei einem Mann namens Luigi mit italienischem Akzent bestelle ich Minuten später eine Portion Reis mit Ente Kung Bao — extra scharf, zwei Flaschen Biel, eine Flühlingslolle und eine Poltion Wan Tan. Komische Chinesen, diese italienischen Kölner ...
Eine knappe Stunde später klingelt es dann auch und ich kann vor dem TV sitzend und CNN sehend meine neuen S-Stäbchen mit dem höllisch scharfen Kung Bao ausprobieren. Das Essen schmeckt fantastisch, aber war keine sehr kluge Wahl. Soviel Knoblauch und abends noch weggehen passen einfach nicht gut zusammen. Gierig lösche ich das Brennen vom scharfen Essen in meinem Hals mit großen Schlucken aus der Bierflasche. Meine ersten Schlucke Kölsch. Eine Stadt, die nicht nur eine Brauerei hat, die ein Bier mit Stadtnamen herstellt, sondern gleich einer ganzen Biersorte einen Namen verleiht, ist schon eigenartig. Besonders wenn das Bier so schmeckt! Also, entweder ist Reissdorf Kölsch ein absolutes Billig-Produkt unter den Kölschmarken, oder die ganze Biersorte schmeckt schlicht wie eingeschlafene Füße. Zum Glück ist das Bier eisgekühlt und wirkt. Genaugenommen wirkt es auf zweierlei Weise; erstens löscht es den brennenden Durst und kühlt den Rachen beim Speisen. Die zweite Wirkung der schnell geleerten zwei Flaschen bemerke ich dann beim Aufstehen. Ein großer Trinker war ich noch nie. Klar habe ich schon mal Bier getrunken, auch mal einen Scotch. Und natürlich auch Wein zum Essen, aber das war etwas anderes.
Selbstverständlich bin ich nicht betrunken, aber ich merke das Getränk schon deutlich in meinem Organismus. Beim Haarewaschen unter der Dusche brauche ich sogar eine Hand, um mich an der Wand gelegentlich abzustützen. Alles in allem ist es aber ein gutes Gefühl. Ich merke, wie die ganze Last der letzten Tage und Monate von mir abfällt und mit dem Duschwasser im Ausguss verschwindet.
Beim Abtrocknen betrachte ich mich im Spiegel.
[BESCHREIBUNG!!!]
"Etwas Sport in Zukunft könnte nicht schaden", murmele ich leise und wundere mich über den Wunsch nach einer Zigarette. Eigentlich bin ich Nichtraucher, aber ab und an gefällt es mir ganz gut an einer Zigarre zu ziehen oder auch Ziggis zu rauchen.
Zum Ausgehen ist es noch zu früh. Oder gehe ich ins Kino? Ach ne. Alleine ist das blöde und sowieso wird das samstagabends so überfüllt sein wie in London, Hamburg, wie überall auch.
Erst einmal springe ich in Jeans und Pulli, und marschiere zum nächsten Kiosk.
"Ein Päckchen ... Luckies."
"Big-Box?"
"Was???"
"Ob sie 'ne Big-Box haben wollen, frag' ich."
"Äh, ne. Luckies", sage ich nervös wie in 14-jähriger bei seiner ersten Schachtel Zigaretten.
Der Verkäufer schüttelt leicht den Kopf und zieht eine weiß-rote Schachtel aus dem Regal.
"Stimorol, normale", ergänze ich, an meine Knobifahne denkend, "und zwei Flensburger."
Der Mensch bekommt seine unverschämten sechs Euro und ich gehe wieder zurück. "Notiz an mich selbst: Nächstes Mal Jacke mitnehmen, auch wenn's nur kurz ums Eck geht!"

[SA, 28.11.04, 21:50 Uhr, Gruft]
? Mit einem nicht ganz unbekannten 'Zischhhh-Klirr' schnellt der Keramikverschluss des ersten Biers nach oben und kommt dann mit dem markanten Geräusch auf dem Glas der Flasche zur Ruhe. Nach dem schalen Kölschgeschmack ist das Flensburger Pils herrlich erfrischend und ich genieße es richtig. In solchen Momenten verstehe ich inzwischen meinen Bruder, der bei allem, was Spaß macht, schon früher als ich auf den Geschmack gekommen ist: Bier, nächtelang Parties feiern und in wilden Orgien beenden, Zigaretten, Gras, Frauen ... nur pflegte er all diese Dinge wesentlich freier und unbekümmerter anzugehen, als ich das tue, und neigte gelegentlich auch schon mal zu Übertreibungen. Timo ...
[Intermezzo 3?]
"Nur nicht melancholisch werden, alter Junge!", motiviere ich mich selbst, switche zu MTV, um dann den Ton runterzuregeln und den MP3-Player des Rechners anzuwerfen. Der Zufallsgenerator spielt 'Pictures of you' von The Cure an. Ganz nett das Lied, aber nichts um sich auf einen Party-Abend einzustimmen.
Einen Moment später erbeben die Bassreflex-Boxen und 'Paint it black' von den Stones erklingt. Wesentlich besser! Wenn es nicht erst so verdammt früh in der Nacht wäre, würde ich sofort losziehen, aber so muss ich noch etwas Zeit totschlagen. Ton runter und bei MTV wieder an: Zu 'Augen auf!' schnappe ich mir die Schaufensterpuppe, die noch unbekleidet an der Wand lehnt und rocke erstmal durch mein halbleeres Wohnzimmer. Erst als eine leere Glasvase — ein Geschenk meiner im Sommer verunglückten Mutter dabei ebenfalls tödlich verunglückt, mache ich abrupt halt, drehe die Musik leiser und sinke schlagartig ernüchtert, die Puppe noch im Arm haltend, auf meine Couch. Gegen die unangenehmen Erinnerungen hilft auch kein tiefer Schluck aus der Bierflasche und keine Zigarette. Nachdenklich gehe ich rüber in mein Arbeitszimmer, setze mich an den Rechner und fische den Brief von Meri aus der Post. Ohne ihn zu lesen halte ich ihn einfach nur still betrachtend in der Hand. Das schwere, leicht gelbstichige Papier mit dem Wasserzeichen, die elegante, absolut perfekt geschwungenen Linien ihrer auffallenden Handschrift. Bänder aus endlos tief-schwarzer Tusche, die sich über den Briefbogen fressen.
Puh. Jetzt hat's mich mal wieder erwischt. Ob ich mit Ihr die richtige Entscheidung getroffen habe? In London? In Hamburg? Ich weiß es nicht. Zuerst stirbt mein Bruder auf ungewöhnliche Art und Weise. Dann verunglücken meine Eltern und ich reagiere darauf, indem ich mich von einzigen beiden Menschen aus meinem engsten Umfeld, Merideth und Arthur, trenne? Normal finde ich das nicht.
Die Entscheidungen sind gefällt und nicht mehr ohne weiteres rückgängig zu machen. Nun gilt es, die neue Situation zu bewältigen, so gut es geht. Derartige Gedanken erschrecken mich oft. Dann ist es fast so, als stünde meine Mutter neben mir und predige mir das Weitermachen. Mit einem Seufzen wende ich mich dem Rechner zu.
'The Zoo', Scorpions. Geiler Song, Volume 8.
www.stadtplan.de und www.prinz.de helfen mir eine kleine Entscheidung zu treffen, in welche Richtung ich gleich meinen zuckersüßen (ich bin nicht eingebildet!) Arsch bewegen werde. Schwarze Retroshorts und Socken, dann steige ich in die neue black-black Jeans, ein Basic-Shirt und das neue Hemd. Immer wieder unterbreche ich die Ankleide-Session um die Musik zu ändern, mich im Badezimmerspiegel zu bewundern oder die zweite Flasche Pils zu öffnen. Apropos Bad, beziehungsweise Spiegel. Wie wäre es wohl mit einem riesigen Spiegel, direkt über meinem Bett? Bei dem Gedanken muss ich grinsen und an Meri denken. Wenn die so was sehen würde, wäre sie entsetzt ... und sicherlich ebenso angemacht. Ob solche Dinger teuer sind, frage ich mich, verschiebe die Frage mal wieder.
Weg mit Roxette, her mit Mr. Idol und "White Wedding". Und wo ich gerade schon bei Billy bin, verschwinde ich noch einmal kurz im Bad, schnappe mir drei Billyboys mit Erdbeergeschmack aus dem Spiegelschrank und stopfe sie mir in die linke Gesäßtasche.
Panikattacke während Killing Joke läuft: Während der Fön- und Hairstyling-Aktion entdecke ich etwas an der linken Schläfe, das ein Pickel werden könnte! Sauerei, aber es ist ja Samstag, gut getimed also. Nix, da. Pickel gibt’s erst morgen wieder. Irgendwann ist die letzte Bierflasche auch erledigt und ich entschließe mich unruhig und unternehmungslustig um 23:32 Uhr die Wohnung zu verlassen.
Die Haustür fällt ins Schloss, Elvis has now left the building, und ich steuere auf den Chlodwigplatz zu und die Luxemburger stadtauswärts.
'Scheiße!', denke ich mir, als mir einfällt, dass ich noch vorhatte, die ganze in der Wohnung rumfliegende Wäsche irgendwo verschwinden zu lassen, für den Fall, dass sich heute etwas ergeben könnte. Irgendwas Blondes vielleicht, mit 'nem hübschen Gesicht, Mega-Silikon-Möpsen und Arschbacken hart wie Beton.
Prime-Club. Riesige Menschenmenge davor, die hinein will. Sind scheinbar alle etwas jünger als ich, aber was soll's. Ich stelle mich dazu.
? Im Türrahmen des Eingangs stehen die beiden obligatorischen Kleiderschränke, Kaugummi kauend, aufgeplustert mit Security-Jacken, Sonnenbrillen und Headsets. Die Musik, die immer wieder aus dem Laden herausschwappt ist ganz annehmbar, Standard-Party-Lala halt; auf den Prinz-Seiten stand irgendetwas von Erstsemester-Party, was auch das Publikumsalter erklären dürfte. Die Luft ist erfüllt vom Duft verführerischer Parfums, Döner Kebab aus den umliegenden Fast-Food-Läden, Bier, Zigarettenrauch und ... Bei dem Gedanken fallen mir auch die Luckies ein. Etwas ungeschickt bei dem Versuch, nicht zu uncool auszusehen, ziehe ich einen Glimmstengel aus der Box und stecke sie mir an. Wirklich lässig, besonders wenn man bedenkt, das ich nicht einmal vernünftig rauchen kann — so peinlich und albern das auch ist. Bei meinen bisher wenigen Versuchen zu inhalieren habe ich mir regelmäßig die Lunge aus dem Body gehustet. Dennoch gibt mir die Zigarette zwischen den Fingern ein gutes Gefühl; ich stehe nicht mehr einfach so in der Gegend herum, ohne irgendetwas zu tun, nein, ich stehe und rauche. Großer Unterschied. Ich genieße es, hier es rumzustehen und zu rauchen. So wie all die anderen auch, die dabei noch Bierflaschen halten, in kleinen Gruppen zusammenstehen, lachen, schmusen, quatschen ... ich sehe ein, dass ich nicht dazu gehöre. Noch nicht. Um dies zu ändern bin ich ja auch an diesem Abend hier.
Seit fast zehn Minuten stehe ich nun hier und es wurden bisher nur ein paar wenige Leute hineingelassen. Mich nervt die Rumsteherei langsam, außerdem wird mir kalt.
"Hi, haste mal 'ne Zigarette übrig?"
Engel-Alarm von rechts.
"Klaro", antworte ich lächelnd und zücke die Luckies, biete sie ihr an, reiche ihr schließlich Feuer, wobei ich darauf achte, das alberne Pin-up auf dem Feuerzeug zu verdecken.
Sie lächelt dankbar. "Sag mal, dauert das hier immer so lange mit dem Anstehen?", fragt sie mich, den linken Arm unter dem Rechten verschränkend, und an der Zigarette ziehend.
"Keine Ahnung, bin zum ersten Mal hier. Du scheinbar auch, oder? Studierst Du in Köln?" Vielleicht liege ich damit ja richtig, immerhin wäre es nahe liegend, dass sich das ein oder andere Kölner Erstsemester auf einer Kölner Erstsemester-Party einfindet, oder?
"Nee, ich mache nächstes Jahr Abi. Und Du?"
"Naja, bin zwar erst letzte Woche aus Hamburg hergezogen, studiere hier aber demnächst BWL weiter", erkläre ich, "das hatte ich schon in London angefangen."
"London! Ist ja cool. Wie kommst Du dann nach Köln? Ich heiße übrigens Marion.", sagt die hübsche Blonde mit den Engelslocken und den eisblauen Augen.
"Marc", erwidere ich, schüttele lächelnd die mir dargebotene Hand, "Habe ursprünglich in Hamburg gelebt, aber mein Dad ist Brite und ich wollte nach der Schule mal raus. Da bin ich ein Jahr lang in Neuseeland und den USA gewesen und bin dann nach London. Meine Eltern starben letzten Sommer bei einem Autounfall, und ich brauchte einen Tapetenwechsel. So kam ich nach Köln."
"Oh, das tut mir leid. Mit Deinen Eltern, meine ich."
Daraufhin ziehe ich lediglich an meiner Zigarette und zucke mit den Schultern.
"Oh, da kommt schon Margit, die hat nur noch nach einem Parkplatz gesucht!", sagt sie und winkt irgendwem auf der anderen Straßenseite zu. "Sag mal, auch wenn es jetzt wohl überraschend kommt ... gibst Du mir deine Nummer? Ich kann ja mal anrufen, wenn ich wieder in Köln bin."
Aha. Das war’s dann wohl erstmal. Pech. Ich ziehe eine 'Bedenklichkeits-Visitenkarte' aus meinem Portemonnaie, die lediglich meinen Namen, meine Mobilenummer und die GMX-Adresse trägt und reiche ihr diese. Währenddessen kramt sie in ihrer Jackentasche nach einem Kuli, schnappt sich meine Karte und meine Hand gleich mit, schiebt Jacken und Hemdsärmel nach oben und kritzelt ihre Nummer auf die Innenseite meines Unterarms.
"Ich hätte auch noch einen Zettel gehabt", sage ich grinsend, obwohl ich nicht gerade begeistert von dieser Brandmarkung bin.
Sie lächelt, wirft im Gehen noch ein 'Tschau!' in meine Richtung über die rechte Schulter und verschwindet in der Menge.
Von der Warterei in der Kälte habe ich nun gehörig die Nase voll, angele nach dem Ausdruck der Samstag-Abend-Partyseite aus dem Netz und marschiere mit einer groben Vorstellung von Richtung los.

[Sonntag, 29.11.2004, 02:40 Uhr, Bar 'Coast']
Zwei Läden, ein paar Drinks und einige kurze Smalltalks weiter lande ich schon leicht angeschlagen in einer kleinen, ruhigeren Bar ... keine Ahnung, wo genau. Beim zweiten Pearl Daikiri setzen sich zwei Mädels mit an meinen Tisch, bestellen einen Tequila-Slammer und ein Heineken und eine labert über einen Frank und was für ein Arschloch der wohl ist. Die andere, aschblond, bebrillt und von durch und durch langweiliger Optik hört aufmerksam zu, nickt bisweilen und raucht West lights.
Die Location gefällt mir eigentlich ganz gut, aber das Publikum ist schon recht langweilig, ich würde noch mal die Stellung wechseln, weiß aber nicht mehr wohin. Außerdem wird das Geld langsam knapp.
Die Labernde Tussi verabschiedet sich von ihrer Freundin kurz auf die Toilette. Die Aschblonde schüttelt genervt den Kopf, kaum das Marie, so heißt die andere, den Raum verlassen hat.
Ich grinse, was ihr nicht entgeht. Sie grinst zurück und fragt: "War das für Dich genauso langweilig wie für mich?"
Ein leises Lachen meinerseits und ich antworte: "Ich belausche doch keine fremden Gespräche, die mich nichts angehen!"
Darauf muss sie auch lachen. "Was hängst Du hier eigentlich so alleine rum? Sitzengelassen worden?"
Hilflos zucke ich mit den Schultern: "Bin neu in der Stadt und kenne wohl noch nicht die richtigen Läden. Hast Du 'nen Tipp?"
Sie überlegt kurz und fragt: "Ich weiß ja nicht, nach was Du genau suchst, aber hast Du schon mal den Rose Club ausprobiert?"
Hab ich nicht und schüttele den Kopf. "Wo ist der denn?"
"Nicht weit", entgegnet sie und ich bekomme eine knappe Wegbeschreibung. Ich bedanke mich, trinke aus, zahle an der Bar und mache mich auf den Weg. Am liebsten würde ich jetzt in mein Bettchen krabbeln und meinen Schwips ausschlafen, aber bisher war der Abend eher unbefriedigend in jeder Hinsicht. Deshalb versuche ich den Club zu finden, lande wieder auf der Luxemburger Straße und vor meinem neuen Ziel, das schräg gegenüber des Prime Clubs liegt. Einen Abend beenden, wie oder wo er angefangen hat, denke ich und stecke mir noch eine der Luckies an, bevor ich in dem dunklen Eingang in der Metallblech-Fassade verschwinde.
Drinnen ist es dunkel, eng, stickig und proppevoll. Irgendwelcher undefinierbare Brit-Pop-Quatsch dröhnt aus den Boxen und treibt die Menge auf der kleinen Tanzfläche an. Der Laden gefällt mir richtig gut; andere Musik und ich wäre begeistert. Ich werde noch einmal so richtig wach, warte an der Bar ganze zehn Minuten auf mein bestelltes Heineken und beobachte fasziniert und belustigt die Leute um mich herum.
"Zum Teufel noch mal!", sag ich leise, als eine heiße Braut in weißen Schlaghosen so dünn, dass sich der String darunter deutlich abzeichnet, dicht an mir vorbeigleitet. Der Arsch, der die Unterwäsche, erfand gehört gevierteilt!
Es ist heiß hier drin, und das Heineken viel zu klein, um meinen Durst zu löschen. Außerdem dauert das ewig, bis der überlastete Barkeeper mit dem kühlen Stoff antanzt. Die Lösung heißt Weißbier! Habe ich auch noch nie getrunken, wird also mal Zeit dies nachzuholen. Ausschlaggebend für diese Wahl bei meiner neuen Getränkebestellung ist allerdings, dass es in Halbliter-Gläsern serviert wird, was mir sehr entgegen kommt. Die Musik variiert leicht im Stil, wird gerade etwas punkiger, was mich auf die Tanzfläche treibt. Ein großer Tänzer bin ich nicht gerade, aber der Alkohol hat die Hemmschwelle bereits genug gesenkt, und ich vergesse schnell alles um mich herum. Die Musik ist laut und schluckt zunehmend alle Stimmen, es kommt mir vor, als hätte ich auf dem Dancefloor sogar etwas mehr Platz, was nicht wirklich stimmt. Ich bilde mir schließlich sogar ein, dass die Luft hier etwas besser ist, mehr Sauerstoff enthält und genieße es einfach mal wieder so hemmungslos aus mir rausgehen zu können. Unter dem Hemd spüre ich den Schweiß auf meiner Haut, eine große Dunkelhaarige tanzt mir gegenüber und lächelt mich an, beobachtet mich, gierige Schlucke aus dem großen Bierglas, neue Lieder, treibende Rhythmen, zuckende Lichtblitze, Enge, Wärme, salziger Schweiß ...

... und Kopfschmerzen. "Oh mein Gott", stöhne ich leise um dann schnell zu verstummen, da meine eigene Stimme zu hören mir Schmerzen bereitet. Regungslos bleibe ich liegen, bis ich endlich noch einmal wegdöse.
[Sonntag, 29.11.2004, 14:29 Uhr, Gruft]
Ich erwache wieder und stelle fest, dass ich in meinem Bett liege. Der seidige Bettbezug ist verschwitzt, ich liege in Socken, T-Shirt, Hemd und Unterhose darunter. Leise fluchend wälze ich mich zur Seite, werfe einen ungläubigen Blick auf die Wand, auf die mein Wecker in großen, blauen Buchstaben '14:29' projiziert. Was soll das sein, ein schlechter Scherz, eine Mathe-Aufgabe oder tatsächlich die Uhrzeit?
Ich schließe für einen Moment die Augen. Party. Kölsch. Pils, Rum-Cola, Daikiri, Weißbier, Filmriss ... so ganz bekomme ich die vergangene Nacht nicht mehr zusammen. Wie war das noch?
Ich setzte mich langsam auf, schwinge meine Füße aus dem Bett und wickle mich in die Decke ein. Am Ende war ich doch noch im Rose Club, dem coolen Laden auf der Luxemburger. Ich habe getrunken und getanzt, mich hoffentlich nicht zum Affen gemacht. Wie war noch gleich ... Claudia? Ich glaube nicht. Christiane? Kristina? Kirsten? Verdammte Kacke, ich bin mir nicht sicher, wie die Dunkelhaarige mit den schwarzen Hotpants und den grobmaschigen Strumpfhosen hieß. Wir haben rumgeknutscht. Oder?
Frustriert schüttele ich den Kopf, eine Bewegung, die sofort mit stechenden Nackenschmerzen kommentiert wird. Mein Hals ist trocken, ich brauche Wasser. Und eine Dusche mit ganz viel Wasser. Warum müssen Bad und Küche ausgerechnet auf der anderen Seite meiner Wohnung liegen, denke ich jammernd und leide auf dem Weg dorthin leise vor mich hin.
Die Dusche hilft mir, etwas klarer zu werden, nimmt mir aber nicht den Kopfschmerz. Wie schön, dass Apotheken immer sonntags, also nach Nächten mit gesteigertem Partypotential, geschlossen haben! An den Einkauf einer rudimentären Hausapotheke habe ich bisher natürlich noch nicht gedacht; bin halt ein echtes Planungs-Genie.
Mühsam steige ich in die nächstbesten Klamotten, die mir in die Hände fallen und verlasse in einem halb offenen Hemd, einer Trainingshose, Socken und Turnschuhen meine Wohnung. Mein Kopf zerspringt fast, als in Tias Wohnung die penetrante Türklingel ertönt, aber meine grippal erkrankte Hausmeisterin muss meine letzte Rettung sein.
Die Tür wird geöffnet, Tia sieht mich überrascht an und hält sich dann eine Hand vor das Gesicht, um ihr Lachen zu verbergen.
"Meine Güte", begrüßt sie mich grinsend, "was ist denn mit Dir passiert?"
Fit sieht sie auch nicht aus, aber im Vergleich zu mir...
"Ohhh ...", stöhne ich leise, "Ich war ... feiern. Ich wollte fragen ob Du vielleicht eine Kopfschmerztablette hast. Können auch mehr sein ..."
Sie grinst über beide Ohren, "Kein Problem." Schon schnappt sie sich meinen Arm und zerrt mich in ihre Wohnung, durch einen engen, kurzen Flur und links in eine kleine, gemütliche Küche.
"Setzen", kommandiert sie und ich lasse mich auf einen der beiden Küchenstühle fallen, während sie den Wasserkocher auffüllt.
"ASS oder Paracetamol? Thomapyrin und Ibuprofen müsste ich auch noch haben." Sie blickt mich fragend an und ich antworte leicht überfordert: "Ganz egal, Hauptsache viel davon."
Fünf Minuten später habe ich vier kleine runde Tabletten intus und schlürfe an einer Tasse eigenartigem Jasmintee. Netter Service, ob der auch zum Hausmeisterjob gehört, frage ich mich.
"Netter Service, gehört der auch zum Hausmeisterjob?", frage ich dann auch Tia.
Diese grinst mich an: "Nur für leidende, frisch Eingezogene. Wo biste denn gewesen und hast Dir das angetan?"
Ich erzähle von meiner ersten Partyodyssee und Tia lacht sich bei meinen Schilderung fast kaputt. Was soll's. Irgendwie mag ich sie, ohne sie richtig zu kennen.
Wir quatschen ein wenig, dass heißt, Tia quatscht, ich höre weitestgehend zu. Sie ist also 27, ausgebildete MTA und studiert gerade _____________________ im ___ten Semester. Früher ist sie öfter auf Studentenparties gegangen, heute lieber in Läden mit Namen wie Tunnel, H2O, Kantine, die mir alle nichts sagen. Sie hört überwiegend House und Trance, gelegentlich aber auch anderen Kram, wie ich erfahre. Den Hausmeisterjob macht sie nur nebenher, weil sie so mietfrei wohnen kann und noch ein paar Euro dazu verdient, ansonsten kellnert sich schon mal, macht Messebetreuungen und so 'nen Kram halt.
Außerdem sieht sie gar nicht so übel aus, genauer betrachtet. Wäre sicher interessant, sie mal in anderen Klamotten zu sehen, als nur in diesem Schlabberlook, den sie als derzeit Betthütende zu tragen pflegt...
"So, ich muss dann mal wieder ins Bett, schätze ich", bereite ich meinen Abschied verbal vor. "Vielen Dank noch mal für die Tabs und den Tee."
Sie grinst und meint mit einem koketten Lächeln, das ich nicht ganz klar interpretieren kann: "Och, dafür kannste Dich bei Gelegenheit mal revanchieren." Sie bringt mich noch zur Wohnungstür und ich bin sehr froh, als diese nicht zu laut ins Schloss fällt und genieße erst einmal die Ruhe des Hausflures, die lediglich durch das dumpfe Pochen in meinem Schädel gestört wird. Ich schleiche zurück in die Wohnung, knöpfe derweilen schon das Oberhemd auf, da ich nicht damit rechne hier unten jemandem zu begegnen. Endlich wieder in den eigenen vier Wänden schlurfe ich ins Bad und bleibe verdutzt vor dem großen Spiegel stehen.
"Scheiße ...", entfährt es mir. Immerhin weiß ich jetzt, dass ich mir nicht nur eingebildet habe, dass Tia immerzu auf meinen Hals starrt, sondern starre nun ebenfalls auf den Grund dafür: Einer rechts am Hals, drei auf der linken Seite. Linke Schulter bis runter zur Brust noch mal drei. Knutschflecke, dunkelrot.
Ein Grinsen kann ich mir zwar nicht verkneifen, dabei ärgere ich mich, nicht mehr alle Details der letzten Nacht auf die Reihe zu bekommen.
Ich ziehe mich aus und krieche noch einmal unter die Bettdecke, um noch einmal zu sortieren. Maren hieß die eine, vor dem Prime Club, von der ich Nummer habe. Ein Blick auf meine Unterarme und ich korrigiere in Gedanken: 'gehabt habe'. Abgewaschen, supi. Dann Blue irgendwas, anschließend eine komisch-langweilige Bierkneipe. Coast und Daikiris. Rose Club. War ich danach noch irgendwo? Eins nach dem anderen. Von der Ische im Rose muss ich die Knutschflecken haben, ja genauso war's! Und sie hieß Kirsten. Je länger ich darüber nachdenke umso sicherer werde ich mir.
Stimmt, ganz in schwarz war sie gewesen, Hotpants und grobmaschige Strumpfhosen darunter. Keine Ahnung was für Schuhe. Aber eine Weste hatte sie an, unter der man den schwarzen BH erkennen sehen konnte — ich jedenfalls. Ich glaub wir haben irgendwo im Club rumgemacht, oh weia. Aber woher zum Teufel glaube ich zu wissen, das sie einen schwarzen String trug und kleine dunkle, feste Brustwarzen hat? Oder geht meine Phantasie mit mir durch?
Mmmh, ja, das waren phantastische Brüste, und wir waren zusammen im Wasser, ganz fest aneinandergepresst unter der Dusche. Nein, im Meer, ihre Haut salzig und ...

Als ich wieder erwache geht es mir wesentlich besser. Der Wecker projiziert '01:11' an die Wand. Super!, denke ich knurrig, 'meinen Schlafrhythmus bin ich schon mal los.' Überhaupt ist mein Körper von der exzessiven letzten Nacht etwas durcheinander — eine Morgenlatte nachts um Eins ist bei mir auch nicht alltäglich. Andererseits bin ich ausgeruht, der Kopfschmerz hat sich auf einen leichten Druck auf die Schläfen reduziert. Da es keinen vernünftigen Grund außer der Uhrzeit gibt, länger im Bett zu bleiben, schwinge ich die Beine aus dem Bett. Mir ist kalt und ich bin durstig. Nach dem Ankleiden verzweifele ich kurz beim Anblick des leeren Kühlschrankes und setzte Teewasser auf.
Vor dem TV sitzend und den verdammt bitteren Grüntee schlürfend langweile ich mich ein wenig beim herumzappen.
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Intermezzo 1
[Tod der Eheleute Conelly]
[Sonntag, 1. August 2004, 01:38 Uhr, irgendwo in der Hamburger Umgebung.][Platzierung: k.A.]
Mit einem tiefen, satten Brummen springt der schwere, mitternachts-blaue 600 SEL an. Der Kiesweg vor dem prachtvollen Haus von Harald Wiescheid knirscht unter den breiten Reifen, als Carola Conelly die Karosse in Richtung des schmiedeeisernen Tors bewegt.
"Das war doch endlich mal wieder ein schöner Empfang, oder?"
Ihr Mann Brian knurrt nur etwas missgestimmt und schweigt dann weiter, während er seinen Krawattenknoten lockert. Da er den ein oder anderen Scotch zu sich genommen hatte, überlässt er Carola das Fahren, wenn auch widerwillig, da diese nur sehr ungern und unsicher im Dunklen fährt. Allerdings ist die Neumondnacht sternenklar und es ist trocken.
"Wußtest du, dass Tina sich eine Wohnung in Montreal kaufen will?", versucht sie, ein Gespräch zu beginnen.
"Die Heidberg?", fragt ihr Gatte skeptisch, "Die hat doch gar kein Geld für solche Spielchen, nachdem Ivo-Net den Bach runter ist, dachte ich. Hat zumindest Rommerfeld erzählt."
"Nein, Tina Heller. Die Malerin. Du weißt schon ..."
"Kenne ich nicht.", antwortet Brian knapp und stiert dann zum Seitenfenster in die Nacht hinaus. 'Soll Tina doch wegziehen, kann mir nur recht sein. Hauptsache, Caro kriegt nie raus, dass da mal was gelaufen ist, sonst bricht die Hölle los...', denkt sich der 53-jährige Investmentmanager und ist erleichtert, dass seine Frau nicht weiter auf das Thema eingeht.
Die Zeitungen werden es nur kurz erwähnen, aber es sind die längsten Augenblicke von Carolas Leben, als der aufgemotzte GTI mit den drei Studenten an Bord die Umgehungsstraße angeschossen kommt. Scheinwerfer blenden, die Mercedes-Fahrerin erkennt mit Schrecken, dass der entgegenkommende Wagen nicht auf seiner Fahrbahn bleibt, sonder direkt auf sie zusteuert. Schrecksekunde, das Steuer hart verrissen und der ausbrechende Benz wird in voller Fahrt von einer Ulme gestoppt.
Als die beiden Leichen aus dem Wrack geschnitten werden können, ist die Presse auch gleich vor Ort. Der Golf-Fahrer hat beim Pusten 2.09 Promille im Blut; die nachfolgende Blutprobe wird auch Speed im Kreislauf feststellen.
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Intermezzo 2A
[Tod im 'Cage']
[Freitag, 26. November 2004, 17:38 Uhr, __________straße, Köln.][Platzierung: k.A.]
Janina Orlova flucht leise, als sie aus der Straßenbahn springt. Schon wieder zu spät. Zwar hat sie keinen Chef im Nacken, der sie deswegen anmaulen wird, aber Pünktlichkeit ist irgendwie die einzige spießige Tugend, auf die sie wirklich Wert legt.
Ihre Tasche pendelt an ihrer Hüfte vor und zurück, als sie schnellen Schrittes in die ________________straße abbiegt und in der Gore-Tex-Jacke nach dem Schlüssel sucht. Der stickige Geruch von verbrauchter Luft und kaltem Zigarettenrauch schlägt ihr entgegen, als sie die schwere Tür mit dem einseitig verspiegelten Fenster öffnet und das 'Cage' betritt. Seit einem halben Jahr verdient sie sich nun neben ihrer Lehre ein paar Euro schwarz dazu, indem sie zweimal pro Woche den kleinen Club putzt und halbwegs für Ordnung sorgt.
'Das Widerlichste zuerst, damit es schnell hinter mir liegt', denkt sich die attraktive Frau mit dem brünetten Pagenschnitt, wechselt schnell die Kleidung, streift sich den Putzkittel über und bewegt sich mit Gummihandschuhen und Reinigungsbewaffnung in Richtung Toiletten. Kalte Kotze in einer Kabine des Damen-WCs, die Pissoirs rundherum vollgepieselt, Dreck von Schuhen, ein benutztes Gummi und überall Kippen.
"Alles wie immer", murmelt sie leise, seufzt und beginnt mit ihrem Job. Knapp zwei Stunden später ist fast alles klarschiff, sie hat irgendwas von Atrocity aufgelegt und wischt noch die Thekenverkleidung aus Stahlblech blank. Die Musik ist laut genug. Sie hört die Schritte nicht. Mit den Gedanken bereits im Feierabend spürt sie nicht einmal die Anwesenheit einer anderen Person. Hinter ihr. Bis ...
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Intermezzo 2B
[Tod im 'Cage']
[Freitag, 26. November 2004, 21:01 Uhr, __________straße, Köln.][Platzierung: k.A.]
Ina ist ziemlich ratlos. Außerdem hat sie gottverdammte Kopfschmerzen, eigentlich schon längst Feierabend und das ganze Durcheinander geht ihr sowieso mächtig auf den Keks. Tod in der Disco. Kann ja mal passieren. Überdosis oder Streit mit 'nem Messer oder 'ner Kanone — sieht man in jedem Krimi. Aber eine tote Putzfrau, nackt, halbwegs zerfleischt, ist einfach nicht in Ordnung. Besonders nach Feierabend nicht.
In einem Blechsarg wird das Opfer in Richtung Pathologie abtransportiert. Drei Leute in Ganzkörperkondomen mit dem Logo der Spurensicherung auf dem Rücken krauchen in der ganzen Disco umher und suchen nach Antworten. Ein weiterer Kollege fotografiert den Tatort und kommt ganz aufgeregt auf sie zu. Auch das noch ...
"Was halten Sie davon, Ina?", fragt er mit einem Leuchten in den Augen wie ein Sechsjähriger vor dem Christbaum.
"Keine Ahnung", murrt Kommissarin Ina Schild genervt und zieht an ihrer West Light. Alex, ihr Verlobter, war stinksauer, als sie vor einer Stunde anrief, um ihm zu eröffnen, dass sie noch Arbeit auf den Tisch bekommen hätte und es sehr spät werden würde. Sie hatte sich den Freitagabend auch anders vorgestellt; etwas gemeinsam kochen, das Wochenende planen, vor dem Fernseher relaxen, vielleicht ein kleiner Fick unter der Dusche und dann zufrieden im warmen Bett kuschelnd einschlafen. Stattdessen ...
"Haben Sie so was denn schon mal gesehen, Kollegin?", fragt dieser Robjevski oder wie auch immer der heißt und wirkt leicht enttäuscht über Inas fehlenden Enthusiasmus.
"Nein", sagt sie schlicht, und verkneift sich das wütende 'natürlich nicht, du impertinenter, blutgeiler, kleiner Pisser!', dreht sich um und überlässt den Kollegen das Feld.

[Freitag, 26. November 2004, 21:47 Uhr, Polizeiwache __________straße, Köln.][Platzierung: k.A.]
Der Typ hat eine Glatze. Ina mag keine Typen mit Glatzen, obwohl er sonst recht schnuckelig aussieht in seinen schwarzen Lederklamotten. Das silberne, umgedrehte Christuskreuz an einem Band um seinen Hals wirkt auf sie auch nicht besonders angenehm.
Die Kommissarin dreht sich in ihrem Schreibtischstuhl gemächlich von einer Seite zur anderen. Die Arme auf die Lehnen gestützt, die Fingerkuppen nachdenklich aneinandergelegt, mustert sie den DJ des 'Cage', den Zeugen Grape, Ingo, 32 Jahre, männlich. Scheint nervös zu sein...
"Herr Grape”, beginnt Ina bedächtig, während eine uniformierte Kollegin das Protokoll aufnimmt, "Sie waren derjenige, der uns angerufen hat. Sie haben die Leiche gefunden. Ist das richtig?"
"Ja, das stimmt". Etwas unsicher greift er nach dem Wasserglas vor sich und nimmt einen kleinen Schluck.
"Na dann erzählen Sie mal der Reihe nach, was da denn genau passiert ist.", fordert Ina ihn auf und blickt kurz auf die Zeitanzeige ihres Telefondisplays auf dem Schreibtisch. 21:50 Uhr.
"Naja, das war so", beginnt der Glatzkopf leicht lispelnd, "ich arbeite seit 'nem guten halben Jahr im Cage als DJ. Ist keine wilde Sache, aber macht Spaß und bringt Kohle, verstehen Sie?"
Ina versteht.
"Ich bin freitags immer der Erste im Laden, weil einer den Typen vom Getränkemarkt reinlassen muss und das mache ich halt immer. Verstehen Sie? Und ich komm' da rein, wunder mich schon, dass nicht abgeschlossen ist, aber dann seh' ich die Tasche von der Putztussi an der Garderobe stehen und wunder mich schon, weil die sonst immer schon weg ist. Normal um die Zeit, verstehen Sie?"
"Um wie viel Uhr war das, als Sie das 'Cage' betraten?", unterbricht ihn die rothaarige Kommissarin kurz.
"Viertel vor Neun. Und ich gehe also rein, mit meinen CDs, zum DJ-Pult, um das Set für die Nacht vorzubereiten, da sehe ich das an der Theke. Die Putze meine ich. Also, die Sauerei meine ich ... Sie verstehen."
Sie versteht und hat definitiv genug für heute. Der DJ wird nach Aufnahme seiner Personalien entlassen und Ina überlegt auf dem Heimweg, wie sie Alex wohl besänftigen könnte...
o

Intermezzo 3A
[Tod von Timo Conelly]
[Samstag, 21. Juni 1997 (ein Tag vor MC's 19ten G-day), 17:38 Uhr, Gymnasium, Hamburg.]
[Platzierung: k.A.]
"Ich bin viel zu leise, verdammte Scheiße! Hört das denn keiner?!", brüllt Kevin gegen das Schlagzeug und die gelegentlich einfallende Gitarre an. Es ist noch früh am Abend als B-low Zero mitten im Soundcheck stecken und die Aula ist so gut wie leer. Christian hatte mit seinen Keyboards am wenigsten Arbeit und gönnt sich einen ersten Joint; er sitzt vor der Tür zwischen Aula und Schulfoyer, in dem hektisch das Buffet aufgebaut wird. Der Catering-Service schleppt Tische, deckt ein und bereitet alles für den großen Abend vor, während draußen vor dem Haupteingang einige Mitglieder der 'AG Orga' versuchen das Banner mit dem Schriftzug 'Abitur 97' anzubringen.
Hinter dem Mischpult, das erhaben aus den hinteren Sitzreihen im Zuschauerraum herausragt, hängen Britta und Timo eng ineinander umschlungen und knutschen sich gierig ab, als Dr. Herrmanns, Deutsch, Französisch, Latein und außerdem verantwortlicher Leiter für den Ablauf des Abends, nervös an die beiden herantritt.
"Sind sie soweit fertig mit der Musik?", fragt er den genervt die Augen verdrehenden B-low Frontman, der nur kurz von der athletischen Voltigistin ablässt, um mit "Geht klar. Soundcheck ist durch" zu antworten. Schon widmet er sich wieder dem Mädel, von dem seine Freundin besser nicht erfahren sollte, und Herrmanns watschelt von dannen.
Timo ist 1,94m groß, hat dunkelblonde, kurz rasierte Haare. Sein Teint ist perfekt gebräunt und makellos; das scharf geschnittene Gesicht hätte gut in jede Hochglanz-Fotostrecke gepasst. Nebenbei ist er 'ein brillanter Schüler und bei seinen Mitschülern sehr beliebt', wie es in einem schulischen Führungszeugnis stehen würde, '... und bei seinen Mitschülerinnen noch viel mehr!', würde ein neutraler Beobachter leicht hinzufügen können. Kurzum, er ist ein echter Frauentyp, eine gute Partie und das ist ihm auch bestens bewusst. Seine Eltern haben nicht zu wenig Geld, er hat sein eigenes Auto, ein Appartement mit eigener Haustür im Elternhaus und behauptet gelegentlich gerne jede gutaussehende Frau in der Oberstufe des _________________-Gymnasiums bereits gevögelt zu haben.
Langsam lässt er seine Finger unter die weiße Bluse der 18-jährigen gleiten und schiebt die Fingerkuppen bereits unter die bügelverstärkten B-Körbchen, als sie sich wegdreht und nervös umguckt.
"Moah, was ist denn los?" Mürrisch schiebt Timo seinen Zeitvertreib des Abends leicht von sich.
"Doch nicht hier, wo uns alle zusehen können!", flüstert ihm die Blondine ins Ohr, schiebt ihre Hand auf seinen Hintern und drückt sich an seinen kräftigen Körper.
'Kinder!', denkt sich Timo und verkneift sich ein Grinsen...

[Sonntag, 22. Juni 1997, 01:07 Uhr, Schulaula.]
Das Buffet gleicht einem Schlachtfeld, der Gig von B-low Zero war ein voller Erfolg und Eltern wie Lehrer haben bereits den Heimweg angetreten; die eigentliche Fete ist also in vollem Gange. Das Rauchverbot in der Aula wird nun überall ignoriert, und hereingeschmuggelte Joints und Hochprozentiges machen neben dem Bier und Wein die Runde.
Britta sitzt allein im Halbdunkel der Notbeleuchtung in den hinteren Stuhlreihen der Aula und fingert frustriert eine rote Gauloises aus der Packung.
'(2/2): vergiss ihn doch einfach - ich habe gleich gesagt, der Kerl ist ein Arsch! Überlegs dir nochma, hole Dich ab. Fahren in die Docks.'
Das Handydisplay deaktiviert die Beleuchtung und die SMS von Lulu verschwindet im Nichts. Recht hat sie, Timo ist wirklich sein Arsch. Als das Abendprogramm der Abiturfeier begann, hat er sich immer mehr von Britta zurückgezogen, sie ignoriert, um sich seinen Freunden, Stufen-Fickgelegenheiten und Whisky-Cola zu widmen.
Seine Eltern waren natürlich auch anwesend, Brian und Carola, ebenso sein nerviger, kleiner Bruder.
"Verdammte Scheiße." Timo wirft seine Kippe achtlos auf den gefliesten Boden, lässt Bernd, Carsten, Nicci, Jordan, Harriette und Rolf stehen und macht sich auf die Suche durch die im Strobe-light zuckende Menge tanzender Menschen. Schließlich entdeckt er Marc, der neben seinem Kumpel Jens Langenscheidt auf der Treppe zur niedrigen Aulabühne sitzt und sich augenscheinlich nicht besonders amüsiert.
Timo zwingt sich zu einem Lächeln und reicht Marc seine Hand: "Hey, Alter", sagt Timo angetrunken, "Alles Gute zum Neunzehnten!".
Kurzes Zögern, dann erwidert Marc den Handschlag und antwortet knapp: "Danke."
"Und wie gefällts Euch? War doch ein cooles Programm, oder nicht?", versucht der Ältere den Smalltalk mühsam in Gang zu bringen und bietet den beiden Sitzenden Luckys an, die er aus der Softbox schnippt.
"Ja, war ganz gut.", antwortet Marc ohne seinen Halbbruder anzusehen.
Jens ergänzt: "Eure Songs waren echt klasse, aber der Keyboarder war doch voll bis zum get-no ...”
"Ne ne", winkt Timo ab, "Technik hat geschlafen, das war alles."

[Sonntag, 22. Juni 1997, 03:40 Uhr, Schulaula.]
"Pissen!", ruft Timo über seine Schulter in Richtung Aula zurück und geht zielstrebig durch den kleinen Schulpark hinter dem Gymnasium. Anfangs steuert er auf den Abgang zum Fahrradkeller zu, um sich dort zu erleichtern, als er dort das leise stöhnende Pärchen vernimmt, weicht er zu einer dunklen Eiche oder Ulme oder was-weiß-ich aus. Zu derart fortgeschrittener Stunde sind die an die Aula angeschlossenen Schultoiletten derart versifft, dass nur noch volltrunkene oder extrem hartgesottene Zeitgenossen eine Benutzung in Betracht ziehen.
Die Krawatte zwischen den Zähnen, die Jacketaufschläge des Armani-Anzuges hinten in den Hosenbund gesteckt steht er in der lauen Sommernacht und verschafft dem nächsten Whiskey Platz. Beim Abschütteln und Verstauen seines besten Stückes plant er auf dem Rückweg zur Aula noch einen Umweg, vorbei am Fahrradkeller — mal sehen, wer da gerade zugange ist...
Als er sich umdreht, taumelt er, zu Tode erschrocken, nur noch einen halben Schritt zurück und ist Momente später bereits tot.
o

Intermezzo 3B
[Tod von Timo Conelly]
[Sonntag, 22. Juni 1997, 03:51 Uhr, Schulaula.]
Brian hat eindeutig zuviel getrunken. Mal wieder. Alan hasst es, wenn sein Freund so zu ist; das kann den schönsten Abend verderben. Ausgerechnet auf der Abifete musste er mal wieder über die Stränge schlagen. Alan ist nur heilfroh, dass es schon so spät ist, dass die meisten Eltern und Lehrer endlich fort sind und diesen erbärmlichen Anblick Brians nicht mehr ertragen müssen.
'Wie peinlich', denkt sich der geschniegelte Abiturient, als er seinen Freund aus der zwölften Stufe nach draußen, an die frische Nachtluft zerrt. Brian selbst bekommt nicht mehr viel mit, kann sich kaum auf den Füssen halten und lallt mehr, als das er spricht.
"Wehe, du kotzt mir meinen besten Anzug voll, Schatz", droht Brian, wohl wissend, dass bei dem Cha-Chi-Cha-Opfer — Alan hat eine kostspielige Leidenschaft für Champagner und chilenischen Chardonnay — nicht mehr viel ankommt.
Mit wachsender Entfernung von der modernen Architektur der Schulaula wird es zunehmend ruhiger, aber auch dunkler. Nur gelegentlich unterbricht die Lichtinsel einer der spärlich im Park verteilten Laternen die Schatten der alten Bäume.
Erschöpft lässt Brian Alans halbschlaffen Körper auf eine hölzerne Parkbank gleiten, um sich selbst eine kurze Pause zu gönnen und sich zu erleichtern. Himmel, wie die Toiletten aussahen, als er sie vor wenigen Minuten benutzen wollte! Bei den Mädels war ein riesiges Gezeter im Gange; einige der Kabinen waren 'längerfristig besetzt', als hätten die ehemaligen Schüler plötzlich ihre Leidenschaft für Sex auf halböffentlichen Toiletten entdeckt. Auf dem Männerklo sah es noch verheerender aus. 3 Toiletten und Pissoire waren vollgekotzt, der Schlunder setzte sich 'ne Nadel und es roch schlichtweg zum Kotzen.
Im Halbdunkel nestelt Brian an seinem Hosenreißverschluss herum und sieht mit einmal die große dunkle Lache, die Schleifspuren im gelichteten Unterholz. Ohne das Gesehene richtig zu begreifen ist der Druck der Blase vergessen und Brian macht zwei Schritte auf das Gebüsch zu, drückt einen dunklen Ast zur Seite und versucht in seiner Panik zu schreien. Kein Laut verlässt seine Kehle, überwältigende Angst zeichnet sein Gesicht und Panik steht in seinen Augen: Vor ihm liegt Timo Conelly auf dem Boden, halb auf dem Rücken, halb auf der Seite, die Gliedmaßen grotesk verkrümmt, den Hals völlig falsch nach hinten zurückgebogen und Blut, Blut überall.
Wie angewurzelt verharrt Brian in seiner Haltung. 'Weg!', ist sein erster Gedanke, 'Nur weg, von hier!', aber sein Körper streikt, rührt sich nicht von der Stelle und er starrt den Toten fassungslos an. Warum guckt Timo nur so dämlich überrascht, verdammt?
"Du bist doch tot, warum musst Du so gucken!", hysterisch schreit er diese Worte der Leiche ins Gesicht. "Du verdammter Bastard, warum musst Du immer so Arschloch sein und jetzt so gucken!"


... EOF.




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